Das Konzept für das Humboldt-Forum ist bislang nur Platzhalter


Volker Hassemer, Senator a.D. und Mitbegründer der Initiative Humboldt-Forum im Gespräch mit SCHLOSSDEBATTE.DE über die Bildungs- und Kulturkonzepte von Wilhelm und Alexander Humboldt und seine Vision des Humboldt-Forums. ///

 

SCHLOSSDEBATTE.DE: Sie engagieren sich mit der Stiftung Zukunft Berlin für das Humboldt Forum. Was ist ihr Ziel?

VOLKER HASSEMER: Das Ziel ist, aus diesem Projekt wirklich so viel zu machen, wie es werden kann, wie es der Name Humboldt verspricht. Es ist möglicherweise kulturpolitisch das wichtigste Projekt in Deutschland für die nächsten Jahrzehnte. Es ist am wichtigsten Platz Deutschlands, nämlich auf dem Schlossplatz. Und es nutzt als Botschaft den Begriff Humboldt, was nach meiner Überzeugung gerade für dieses Jahrhundert ein außerordentlich interessantes und aktuelles Leitmotiv ist.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Was verbinden Sie mit dem Begriff von Humboldt?

VOLKER HASSEMER:  Der Name Humboldts formuliert einen Auftrag, von dem aus das Haus gedacht werden muss. Es darf nicht von den Einrichtungen her gedacht werden. Die Einrichtungen, die dort – nach heutigem Stand – reinkommen sollen, sind hoch bedeutsame. Ich bin selbst Vorsitzender des Freundeskreises des Ethnologischen Museums, kenne das Museum also und weiß auch, ein wie wichtiger Partner dieses Museum für das Haus sein kann. Aber eine Vorstellung, das Humboldtforum würde ein weiteres Museum werden können, greift zu kurz. Beide Humboldts waren nicht Museumsfachleute, sondern sie waren in ihrer Zeit wirkende, gesellschaftlich aktive, persönlich mit großem Anspruch engagierte Leute. Für sie war das Thema Bildung und der Kontakt der Menschen in der Welt miteinander zentral. Und diesen beiden aktuellen Themen muss sich eine Einrichtung, die sich auf Humboldt beruft, stellen. Es muss ein Haus der Kulturen der Welt sein, ein Haus des angemessenen, offenen und interessierten Kontakts der Menschen untereinander in einer zunehmend globalisierten, zunehmend nachbarschaftlichen Welt. Es muss ein aktuelles Haus sein. Die Museen können dazu einen Beitrag leisten. Aber sie sind nicht der Endzweck des Projekts.

SCHLOSSDEBATTE.DE: In Ihrem Statement gegenüber der Internationalen Expertenkommission im Jahr 2001 haben Sie sehr deutlich vor einem reinen Ort für Exponate gewarnt, vor einer starken Musealisierung des Ortes. Welche Aktivitäten stellen Sie sich denn vor? Was könnte in dem Haus passieren?

VOLKER HASSEMER:  Gerade Alexander von Humboldt war ja jemand, für den die Wahrnehmungsmöglichkeiten der verschiedenen Medien zentral war. So wie Exponate viel vermitteln können, so kann das Wort, der Streit viel vermitteln, so kann die Musik viel vermitteln, so können die bildende Kunst und das Theatralische viel vermitteln. Die Methoden, wie man anderes und andere wahrnimmt, sind vielfältig. Ein Museum erbringt diese Vermittlungsleistung über die Präsentation der Objekte. Dieses Haus darf sich aber nicht auf eine einzige mediale Position festlegen. Also, ich will einmal eine radikal Konsequenz ziehen: So wie bei Wechselausstellungsräume ein Haus ganz ausgeräumt werden kann für die nächste Präsentation, so muss eigentlich das Haus immer wieder ausgeräumt werden können für alle Möglichkeiten des Austauschs, des Gesprächs und der Interaktion. Und muss alle Methoden sinnlicher Wahrnehmung nutzen. Die Objekte können dabei so etwas wie ein Standbein sein. Aber die Aufgaben gehen über das hinaus, was eine museale Aufgabe bedeuten würde.

Man sollte sich Gedanken machen, wie man sich den Methoden, die in Berlin schon Realität sind, nähert. Es darf nicht ein Wissenschaftskolleg werden. Es darf nicht ein Haus der Kulturen der Welt werden. Aber was beide erreicht haben, das muss man benutzen können.

Ich kann mir etwa vorstellen, dass lebendige Wissenschaft einen wichtigen Beitrag für das Humboldtforum leistet. Für Fellow-Wissenschaftler könnte es eine Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftskolleg geben, die dann von Zeit zu Zeit im Humboldtforum arbeiten. Aber auch diese Arbeit darf dann nicht wieder im wissenschaftlichen Elfenbeinturm sein. Wir müssen Methoden finden, um Ergebnisse dieser Arbeit ständig wieder auch zum Ausdruck des ganzen Hauses zu machen. Dass also die normalen Besucher mitkriegen, was da zur Zeit gerade gedacht wird und vielleicht sogar einen Streit mitkriegen, ohne ihn über lange Sitzungen selbst begleiten zu können. Dass also das Haus nicht nur ein Ort ist, wo Kluges gedacht wird, sondern wo diese Klugheit sofort wieder in die Öffentlichkeit, die das Haus haben wird, hineingetragen wird. Solche Aktivitäten stelle ich mir vor.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Also im Kern ein gegenwärtiges Denken und Produzieren, vor dem Hintergrund der bestehenden Sammlung und beteiligten Institutionen.

VOLKER HASSEMER:  Ja, so kann man das sagen. Es geht um die Wahrnehmung anderer Kulturen, um die Wahrnehmung anderer Denkweisen; nicht nur der Denkweisen von vor 100 Jahren, vor 200 Jahren oder vor 500 Jahren dieser Kulturen. Die spielen auch eine Rolle. Aber viel wichtiger – und darin liegt die aktuelle Brisanz des Hauses – sind Denkweisen, die sich in den unterschiedlichen Teile der Welt heute ereignen. Es geht um unseren heutigen Kontakt untereinander, wobei es im Sinne von Humboldt nicht allein unser eigener Kontakt zur Welt sein sollte, sondern – da hat mal einer ein wunderbares Wort gesagt: Es ist ein dritter Ort. Es ist ein Dienstleistungsort für das Verständnis, für das Gespräch von Kulturen, in das wir als Stadt oder als Europa auch nicht immer einbezogen sein müssen. Es ist ein Dienstleistungsort für die Kulturen der Welt.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Das Projekt wurde jetzt durch die Einleitung des Wettbewerbsverfahrens konkretisiert. Im Raumprogramm der Wettbewerbsauschreibung ist der muesale Teil als der zentrale Baustein festgeschrieben worden und das zeitgenössische spielt nur eine marginale Rolle. Finden Sie das eine Fehlentwicklung?

VOLKER HASSEMER: Das Wort Fehlentwicklung fällt mir dazu noch nicht ein, sondern ich sehe es vor allem als eine sehr große, eine sehr komplexe Entwicklung. Da kann man nicht erwarten, dass es mit einem Knall schon so wird, wie man das für richtig hält. Die Entwicklungen ging von der Ratlosigkeit „was geschieht da überhaupt“ hin auf die Frage „dann lassen wir doch die Museen umziehen“, zum nächsten Schritt „wir nennen das Humboldt Forum“. Das sind alles Entwicklungen, die ich begrüße. Und es ist auch eine außerordentlich positive Entwicklung, dass die finanziellen Grundlagen für ein Halbmilliarden-Projekt hergestellt sind. Auf diesem Weg sind auch immer wieder Kompromisse gemacht worden, aber ich spreche da noch nicht von Fehlentwicklung, sondern von der Notwendigkeit weiterer Entwicklung.

Was den Architekturwettbewerb angeht: Das von allen so gelobte neue Reichstagsgebäude entspricht nur zu 10% dem Wettbewerbsentwurf von Norman Foster. Der restlichen 90% ergaben sich aus dem späteren Gespräch zwischen Bauherren und Architekten. Das heißt, man darf nicht so ängstlich sein. Der Architekturwettbewerb wird hoffentlich den besten Partner für die Architekturentwicklung finden, so wie das bei Foster der Fall war. Er erbringt noch nicht den besten konkreten Entwurf. Das kommt dann anschließend.

Ich erwarte und fordere auch von diesem Haus: Es muss ein Lebewesen sein, wie es bisher in der Welt noch nicht vorzufinden ist. Ende der 1970er Jahre wurde das Centre Pompidou neu erfunden. Und ebenso hoffe ich, wird das Humboldtforum eine weltweit relevante heutige Neuerfindung sein.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Doch bislang hat eher eine Verengung als eine Entfaltung stattgefunden. Inzwischen sind aus den ehemaligen drei Nutzungen im Wesentlichen eine – die ethnologischen Sammlungen – mit etwas Anhängsel geworden. Zugleich wurde die konzeptuelle Idee nicht weiterentwickelt, die drei Akteure haben noch nicht wirklich zueinander gefunden und noch keine wirkliche Idee entfaltet.

VOLKER HASSEMER: Das kann man wünschen, das muss man aber gar nicht wünschen. Denn das, was ich von diesem Haus erwarte, geht über die Reichweite der drei Akteure hinaus. Ich will es Ihnen mal an einem Beispiel erklären: Die Humboldt Universität einzubeziehen, wäre eine interessante Idee gewesen, aber das war bislang nicht der Fall, sondern es war lediglich die Sammlung der Humboldt Universität, womit der museale Charakter nur noch verstärkt wurde. Wenn das nun aus lokalen, politischen Ränkeleien zusammengeschrumpft ist, so ist da nicht furchtbar viel verloren gegangen. Der eigentliche, große und entscheidende Schritt wäre, dass in der Tat auch Wilhelm von Humboldt dort zu Hause wäre. Dass sich also die Humboldt Universität als Universität und nicht in ihrem Nebenfeld als eine Objektsammlungseinrichtung einbringt. Deswegen hab ich auf das Wissenschaftskolleg hingewiesen, auf das Haus der Kulturen der Welt. Man könnte auch auf das Iberoamerikanische Institut, das Wissenschaftskolleg, oder die Akademie der Wissenschaften verweisen; oder auch die Freien Universität als eigentliches Kompetenzzentrum der Regionalwissenschaften.

Alles das steht noch aus und alles das war auch nicht Bestandteil der Empfehlungen der Expertenkommission. Aber es wäre kurios, wenn man sich nicht der Berliner Kompetenzen, der in Berlin ansässigen Kompetenzen vergewisserte. Da ist nicht viel verloren gegangen; da wurde zu wenig hinzugewonnen.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Sie meinen also, analog zu der Entwicklung der baulichen Konzeption durch den Wettbewerb müsste es eine Entwicklung für das programmatische Konzept geben oder ein Kuratorium zu berufen, welches in experimenteller, innovativer Weise die Idee der Nutzung voranbringt?

VOLKER HASSEMER:  Ich bin noch gar nicht so weit, Gremien und Kuratorien einzuberufen. Aber Ihr erster Satz ist richtig; und die Beteiligten sind sich dessen durchaus bewusst. Das Konzept ist bislang nur Platzhalter ebenso wie die Wettbewerbsausschreibung Platzhalter ist. Da gibt es zumindest relativ viel Fläche für bewegliche Dinge, doch das allein befriedigt mich nicht, weil Sie dann trotzdem in Etagen eingeengt sind. Doch die transkulturelle Position, die man haben muss, lässt sich in so einer Etagenkonzeption nicht realisieren.

Wenn der Anspruch des Hauses ist, einer Verständigung von Partnern in der Welt zu dienen, dann ist das keine nationale Einrichtung, sondern eine Einrichtung, die sich als Dienstleister an die Welt richtet für ein großes Weltthema. Wir Deutschen wissen nicht schon alleine, wie man das richtig macht. Wir müssen uns öffnen für Dritte, da sehe ich noch großen Bedarf.

Der große Verdienst von Klaus-Dieter Lehmann als ehemaliger Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz ist, dass er diese Aufgabe gestellt hat. Und die Herausforderung an Hermann Parzinger ist nun, diese Konzeption in all ihren Möglichkeiten auszufächern, und dafür ist er auch der richtige Mann.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Sie haben den White Cube, die temporäre Kunsthalle auf dem Schlossplatz, mit auf den Weg gebracht. Ist für Sie der White Cube auch ein Impuls für die mögliche längerfristige Entwicklung des Programms an dem Ort?

VOLKER HASSEMER: Ja, das gehört dazu, bloß darf es sich nicht zu wichtig nehmen. Wir treten ja mit der Bescheidenheit auf, dass wir sagen: Da kommt bald ein Größerer als wir, wir gehen dann sofort weg.

Zugleich aber verdeutlichen wir die Bedeutung und die Fruchtbarkeit Berlins als Produktionsort für Bildende Kunst und werfen ein Schlaglicht darauf, dass Berlin für eine solche aktuelle Aufgabenstellung der richtige Platz ist und dass es für das Humboldtforum einer solchen Aktualität bedarf. Insofern sehen wir uns mit der Kunsthalle als ein Vorbote für das Humboldt Forum.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Sie planen mit Ihrer Stiftung Zukunft Berlin eine Veranstaltungsreihe zum Humboldtforum. Was haben Sie vor?

VOLKER HASSEMER:  Wir wollen Denker der Welt wie zum Beispiel Maria Vargas Losa, Ryosuka Ohashi oder Amin Maalouf fragen: Berlin und Deutschland planen hier einen Ort des globalen Austauschs: Was erwarten Sie von einem solchen Humboldt Forum an dieser Stelle? Wenn man einen solchen Anspruch stellt, dann sollte man das Mitreden großer Persönlichkeiten der Welt organisieren – das ist unsere Absicht. Zu den einzelnen Veranstaltungen sollen jeweils zwei bis drei dieser Persönlichkeiten zusammenkommen. Die Reihe wird im Frühherbst beginnen.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Das Problem der ethnologischen Sammlung ist meines Erachtens, dass sie im Wesentlichen im 19. Jahrhundert gesammelt worden ist und den Geist dieser Zeit widerspiegelt. Es ist rein ein Blick aus Europa nach außen. Sehen Sie eine Möglichkeit, dieses Manko der Sammlung zu adressieren?

VOLKER HASSEMER: Was ich jetzt formuliert habe, ist schon sehr anspruchsvoll. Man muss Acht geben, dass man seine Ansprüche noch einigermaßen im Rahmen der Möglichkeiten hält. Die Grundidee ist: Die Kulturen der Welt treffen auf der Museumsinsel auf die Kulturen Europas, die dort mit einer langen Tradition präsent sind. Dieses Projekt endet nicht an den Mauern des Gebäudes, sondern ist ein Teil. Letztlich ist das Wort des Humboldt Forums vielleicht gar nicht falsch angewandt für die gesamte Museumsinsel. Wobei dort die europäischen Akteure schon da sind – zwar in ihrer musealen Form, aber auch da erhoffe ich mir neue Entwicklungen. Wenn das Humboldt Forum diese Frische, diese Andersartigkeit hat, wird es auch zum Ferment für die Art und Weise des Agierens der anderen Häuser auf der Museumsinsel.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Sie engagieren sich für das Humboldtforum. Gibt es denn bei den verantwortlichen Akteuren Ansprechpartner, die für Ihre Impulse offen sind?

VOLKER HASSEMER: Wenn man sich zivilgesellschaftlich engagiert, sollte man zuerst bescheiden und nur sich selbst gegenüber anspruchsvoll sein. Sie sollten nicht, bevor sie den ersten Griffel heben, fragen: Wer hört mir denn überhaupt zu? Gleichwohl: Hier am Tisch in der Stiftung haben wir uns z.B. mit Lehmann und Parzinger, mit Viola König als Direktorin des Ethnologischen Museums und vielen andern ausgetauscht. Mir geht es darum, sich nicht selbst, sondern die Aufgabe und die Thematik wichtig zu nehmen.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Der Bundestag hatte ja Ende letzten Jahres beschlossen, dass Initiativen, die sich für das Humboldt Forum, das Schloss engagieren, in die Jury des Wettbewerbes aufgenommen werden. Herr von Boddien ist in der Jury, Sie bislang nicht.

VOLKER HASSEMER:  Wir erwarten das nicht.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Herzlichen Dank für das Gespräch

Das Gespräch führte Philipp Oswalt im April 2008

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