Eine Sichtweise wie vor hundert Jahren


Wolfgang Kaschuba, Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität Berlin im Gespräch mit SCHLOSSDEBATTE.DE über das Humboldt-Forum, die Schwierigkeiten im Umgang mit ethnologischen Sammlungen und Fragen der Rekonstruktion. /// 

  

 

SCHLOSSDEBATTE.DE: Sie sind europäischer Ethnologe und befassen sich unter anderem mit der Entwicklung städtischer Räume. Unter der Beteiligung Ihrer Universität soll hinter den rekonstruierten Barockfassaden des Berliner Schlosses das Humboldt-Forum entstehen und  zwei Drittel des Raumes von den außereuropäischen Sammlungen eingenommen werden. Was halten Sie davon?

WOLFGANG KASCHUBA: Den ethnologischen Sammlungen tut es gut, wenn sie in die Stadtmitte kommen. Der Standort macht aber nur Sinn, wenn man nicht ein neues Magazin, ein neues Archiv oder einen neuen Studienort für die Wissenschaft aufbaut, sondern wenn man Bevölkerungen in Kontakt bringt mit Konstellationen der Moderne, wenn also europäische Kunst als Geist der europäischen Zivilisation kontrastiert wird mit außereuropäischer Kultur, mit ebenfalls als „Kunst“ präsentierter außereuropäischer Kultur. Im positiven Fall entsteht so eine Begegnung. Das ist die Grundüberlegung, angeregt durch das neue ethnologische Musée du Quai Branly in Paris. Es ist Versuch, durch die Dekontextierung der kulturellen Objekte aus Afrika, aus Südamerika usw. ihnen ihrerseits die Aura des Kunsthaften zuzuschreiben und sie damit in eine gleichberechtigte Position mit europäischer Kunst zu bringen. Das kann aber auch leicht misslingen, weil die Vorraussetzungen mitbedacht werden müssen, sonst steht neben der Mona Lisa eben einfach das Sarazenenschwert oder der kunstvoll geschnitzte Pfeil, und die Leute fragen sich, was ihnen das nun sagen soll.

Für den Umgang mit der Sammlung ist die Frage wesentlich, wie diese Sammlung zustande gekommen ist. Dabei meine ich jetzt nicht die heikle Frage nach der Provenienz, sondern die nach der Festschreibung kultureller Horizonte und Perspektiven durch die Art des Sammelns. Welche Gedankenwelt lag und liegt dieser Sammlung zu Grunde? Museumsethnologen neigen dazu, in den Kategorien ihrer Objekte zu denken. Ethnologen, die nicht an Sammlungen gebunden sind, gehen nicht von Objekten, sondern von Praktiken aus und entwickeln ganz andere Zugänge zu Fragen von Identität. Hier sehe ich intellektuellen wie konzeptuellen Entwicklungsbedarf. Das Konzept des Humboldtforums ist derzeit angedacht, aber es ist noch nicht durchdacht.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Die Sammlung ist in ihrem wesentlichen Teil im 19. Jahrhundert aufgebaut worden. Welche Sammlungsidee bestand dabei? Welche Idee schlägt sich in der Sammlung der Objekte nieder? Und was für ein Verhältnis können wir dazu heute haben?

WOLFGANG KASCHUBA: Der Sammlungsgedanke ist ein traditioneller, ein alter Gedanke. Es ist der Versuch, kulturelle Produktionen und Bilder für unsere Erinnerung festzuhalten und zu bewahren. In der Tat entstammen alle Sammlungskerne dem Gedanken, eine „Völkerkunde der Welt“ in einem Museum der Welt umzusetzen, Abteilungen nach Epochen und nach Regionen zu orientieren und sie im Wesentlichen in ihren vermeintlichen Traditionen festzuschreiben. Und das bedeutet, dass viele dieser Blicke und Perspektiven statisch sind. Trotz einiger Versuche zur Aktualisierung und zur Einbeziehung europäischer Objekte bleibt der Kerngedanke die alte Völkerweltkarte des 19. Jahrhunderts: eine statische kulturelle Ordnung mit dem Mittelpunkt Europa.

Völkerkundliche Sammlungen sind vor allem der Versuch, „authentische“, also „ursprüngliche“ Kultur zu dokumentieren. Und das ist eine Idee, der die heutige Ethnologie nicht mehr nachhängen kann, weil sie weiß, dass der Bezug auf Kultur immer strategisch ist – ob er nun strategisch ist im Blick auf Tourismusindustrien, denen „authentische“ Feste und Musikformen vorgestellt werden, ob er in Bezug zu Selbstbildern nationaler oder ethnischer Art gesetzt wird oder ob er in Bezug zu Programmen der UNESCO gebracht wird, die für derartige Kulturpflege und Kulturerhalt Gelder bereit stellt und das Siegel „Weltkulturerbe“.

Die alten völkerkundlichen Museen konnten noch vorgeben, es gäbe authentische, ursprüngliche Kulturen, die man mit der Sammlung repräsentieren könnte. Doch wenn man diese Idee auf den europäischen Kontext überträgt, wird klar, dass diese vermeintlich ursprünglichen Kulturen nur stereotype Vorstellungen sind, von denen sich die Ethnologie als Wissenschaft längst verabschiedet hat. Gleichwohl besteht die Tendenz zu dieser Stereotypenbildung – gerade bei der Betrachtung der außereuropäischen Kulturen – immer noch, und es ist überraschend, mit welcher Naivität manche Museumsdirektor solchen Vorstellungen anhängen.

Die heutige Ethnologie hat eine ganz andere Sichtweise: Sie nähert sich über Praxen von heutigen Menschen und Gruppen an und untersucht alltägliche Routinen, Symbole und Rituale, mediale Praxen, Freizeitformen etc. Dann sieht man natürlich ganz andere Übergänge und Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Kulturen als in dieser ethnisch strukturierten Weltkarte willkürlich gesammelter Objekte.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Es gibt eine CD-Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung zum Humboldt-Forum, in der exemplarische Projekte vorgestellt werden, z.B. eines zu Brasilien. Gezeigt wird eine Musikgruppe von einigen Männern, die auf traditionellen Instrumenten Musik machen und im Hintergrund sieht man irgendwelche traditionellen handwerklichen Gegenstände. Dieses Bild von Brasilien transportiert eine Vorstellung von Exotik, die mit dem heutigen Brasilien nichts zu tun hat.

WOLFGANG KASCHUBA: Die Aufgabe der Ethnologie als Wissenschaft wäre, das Klischee offen zu legen, indem man dieses Bild von Brasilien z.B. kontrastiert mit der Darstellung einer ausgestorbenen, europäischen Praxis, etwa des Schäfers, der mit leisem Flötenton durch die Lüneburger Heide zieht. Damit würde für das Publikum die Ideologisierung offen gelegt, und dann könnte man darüber reden. Aber diese Möglichkeit entsteht nicht, wenn man so tut, als wäre die Sambaband das „echte“ Brasilien. Manche ethnologische Museen kommen den Tourismusindustrien doch verdächtig nahe.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Sie sind selbst europäischen Ethnologie. Beim Humboldt-Forum geht es bislang nur um die außereuropäische Kultur an diesem Ort. Der europäische Teil der ethnologische Sammlung aus Dahlem soll von dem außereuropäischen separiert werden und in Dahlem verbleiben. Ist es aus heutiger Perspektive überhaupt sinnvoll vorstellbar, ein ethnologisches Museum zu konzipieren, welches das Europäische nicht mit einschließt? Führt dies nicht automatisch zu einem exotisierenden Blick?

 WOLFGANG KASCHUBA: Ich habe von Anfang an gesagt: Wenn das Konzept Sinn machen soll, dann muss die europäische Kultur Teil dessen sein. Das kann man nicht trennen. Die Bilder, die wir uns von außereuropäischen Kulturen machen, haben wir uns in ähnlicher Weise auch von europäischen Regionen gemacht. Ich brauch nur sagen „Tirol“ und sofort kommen irgendwelche Zupfinstrumente und Holzhandwerke ins Bild. Diese Bilder stammen natürlich aus einer europäischen Mythenwerkstatt und wir können diese nur entmythisieren, wenn wir sie auch als konstruierte Mythen deutlich machen. Da gehört neben den brasilianischen Tanz- oder Karnevalsfilm eben der rheinische Trachten- und Karnevalsfilm, der zeigt, wie Europa diese Welt in Bildern codiert hat. Wenn diese Ausstellungen jetzt, wie es im Moment scheint, nicht aufeinander bezogen werden, wenn der europäische Sammlungsgedanke nicht als künstlicher Ordnungsgedanke sichtbar gemacht wird, dann fehlt der eigentliche Schlüssel zum Verständnis.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Und wohin geht jetzt die Diskussion bezüglich der Präsentation der Berliner Sammlungen im Humboldtforum? Welchen Weg will man einschlagen?

WOLFGANG KASCHUBA: Eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder baut man im Forum die mehr oder weniger herkömmliche Form des ethnologischen Museums auf: Kultur im Kontext – es werden Objekte vor einem bestimmten Hintergrund gezeigt. Das ist das Modell des 19. Jahrhunderts, das auf den Weltausstellungen entwickelt wurde: Die orientalische Straße „Rue de Kairo“ etwa, auf der gezeigt wird, wie europäische Reisende einst Basar oder Karawane wahrnahmen. Oder man orientiert sich am Modell des Musée du Quai Branly in Paris. Man verzichtet auf diese Kontextierung, weil es sich um alte europäische Modelle der Konstruktion einer orientalischen Welt oder der afrikanischen Welt handelt. Man versucht also eine Gleichberechtigung der kulturellen Objekte herzustellen, indem man dem Sarg, dem Totem, der Lanze dasselbe Gewicht gibt, wie dem europäischen Königsschwert, dem Schild oder der Königskrone. Wir inszenieren also das Außereuropäische mit europäischen Mitteln. Das ist eine interessante Herausforderung. Das „Machen“ der Ausstellung selber muss als historischer Prozess sichtbar werden. Doch das passiert bei den heutigen Ausstellungen wenig. Was meist gewünscht wird, sind fertige, geschlossene, ästhetisierte Oberflächen, womit es schwierig wird, die Ausstellung oder die Ausstellungspraxis als Konstruktionsprozess zu thematisieren.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Die meisten großen Sammlungen stammen ja aus der Kolonialzeit, bzw. aus dem 19. Jahrhundert, der enzyklopädischen Zeit. Gibt es Beispiele, vielleicht auch von kleinen Institutionen, die in den letzten Jahrzehnten einen anderen Ansatz in der ethnologischen Sammlung, in der ethnologischen Präsentation gesucht haben?

WOLFGANG KASCHUBA: Museen wahrscheinlich weniger, weil diese oft zu sehr an ihre Objektensembles gebunden sind. Aber es gibt Ausstellungen, die z.B. versucht haben zu zeigen, wie bestimmte Gruppen aus so genannten Dritte-Welt-Ländern mit den Bildern umgehen, die die Erste Welt von ihnen hat. Dort wurden Objekte von Künstlern gezeigt, die aus dem Zivilisationsschrott der Ersten Welt Gegenstände ironisierend aufgearbeitet und im Stil des eigenen Kunsthandwerks umgearbeitet hatten. Das zeigt wie auch Repräsentations- und Marktmechanismen reflektiert werden können und wie ironisch mit solchen Stereotypen umgegangen werden kann. Und es entsteht auch etwas, was gerade europäische Intellektuelle sehr gerne kaufen: Wenn aus platt gehämmerten Coca-Cola-Dosen und anderen Dingen eine traditionelle Maske zusammengesetzt wird, die früher aus einem schwarzen Holz gewesen wäre, dann scheint dies die ironische Brechung des europäischen „exotischen“ Blickes.

Man könnte Ähnliches auch für den Bereich der Musik zeigen. Wenn man heute z.B. über Karibische Musik spricht, ist es unangebracht, auf die Karibik zu verweisen. Was die Lokalitäten und die Strategien der Authentisierung angeht, sind die Londoner Lokale den ‚echten‘ karibischen eindeutig überlegen.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Aber die Schwierigkeit für das Humboldtforum ist ja, dass wir da eine bedeutende Sammlung haben, die aber in ihrer Aussagekraft sehr einseitig und begrenzt ist und der Raum erstmal von dieser Sammlung beansprucht wird.

WOLFGANG KASCHUBA: Man muss den Ursprung dieser Sammlung und ihre Blickachse „Mittelpunkt Europa als Mittelpunkt der Welt“ offen legen und thematisieren. Das ist dann keine bilaterale Beziehung sondern im Grunde genommen ein Dreieck. Denn dieses Dreieck muss das Element dieser eurozentrischen Weltsicht enthalten und deutlich machen, was die Ursprungsidee dieser Sammlungen war. Auch wenn diese Sammlungen modernisiert werden sollten, bleiben sie im Kerngedanken eine Wiedergabe „des Anderen“: eine Sammlungspraxis europäischer Kuratoren. Umgekehrt werden provozierende Gegenmodelle wie etwa die Thematisierung Europas in der Sammlungspraxis afrikanischer Kuratoren bei uns nach wie vor oft nur als Ironisierungen, als Joke-Veranstaltungen verstanden. Sie sind aber genauso seriös – haben nur nicht das nötige Geld und nicht die nötige kulturelle Tradition und Unterstützung, weil die Dinge, wenn sie im Louvre gesammelt sind oder im ethnologischen Museum in London eben eine ganz andere Aura haben.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Und wie wird die Sammlung der Humboldtuniversität zur Geltung kommen?

WOLFGANG KASCHUBA: Relativ gesehen hat die Humboldtuniversität als Ausstellungsfläche im Forum die Größe einer Telefonzelle zur Verfügung. Da können wir uns jetzt überlegen, ob wir ein Telefonbuch hineinlegen oder zwei – am besten Vorkriegsware, denn die war noch schmal.

 

Rekonstruktionen

SCHLOSSDEBATTE.DE: Sie befassen sich als Ethnologe aber auch mit der Frage der Identitätskonstruktion. Die Identitätskonstruktion, die mit dem Humboldt-Forum innerhalb der Schlossfassaden vorgenommen wird, spart die eigene Gegenwart aus und bezieht sich nur auf das geschichtlich Vergangene. Gleichwohl wird sie von den Protagonisten als nicht nur berlinisch, sonder nationales Identitätsbauwerk für heute gesehen. Halten Sie ein solches Vorgehen symptomatisch für deutsche Identitätskonstruktionen vor dem Hintergrund des Holocaust?

WOLFGANG KASCHUBA: Das ist ein interessanter Gedanke. Man könnte sich fragen, ob es mit dem Schloss nicht ähnlich ist wie mit der Mauer. Man kann die Mauer vermissen und über sie nachdenken, seit dem sie weg ist. Wäre sie geblieben, wäre es viel schwieriger. Bei dem Schloss könnte man auch sagen, dass die Tatsache, dass es verschwunden ist, es erst möglich macht, es nun überhaupt wieder denkbar zu machen; im Sinne einer Entwicklung und einer Veränderung des Umgangs mit deutscher Geschichte. Wir können uns heute wieder zutrauen, über preußische und deutsche Geschichte anders nachzudenken, weil wir eine gewisse Geschichtsarbeit geleistet haben. Und damit könnte man sagen: Mit diesem Rekonstruktionsversuch wird symbolisch eine unnormale Normalität produziert. Botschaft: Deutschland ist zurückgekehrt in die Gesellschaft der Völker. So kann man sich nun geläutert zur Geschichte bekennen und damit auch zu einem Ort preußischer Geschichte, auch wenn der ein Symbol obrigkeitsstaatlicher Geschichte war.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Sie haben auch ein Forschungsprojekt über die Identitätsfindung nach 1989 in den mittel- und osteuropäischen Ländern durchgeführt. Gibt es ansonsten in Osteuropa, in diesen Identitätsfindungen, Ähnlichkeiten oder Differenzen zu dem deutschen Fall?

WOLFGANG KASCHUBA: Bei den dortigen Rekonstruktionen – ob der Warschauer und der Danziger Altstadt oder der Erlöserkirche – gibt es so etwas wie eine vermisste Geschichte. Man kann damit argumentieren, dass ein Stadtzentrum vermisst wird, dass eine religiöse Komponente der Stadt vermisst wird, unterdrückt durch Geschichte – ob es nun die Geschichte des Weltkriegs oder des Sozialismus war. Wenn man so argumentieren würde, ist es keine Analogie zum Stadtschloss, weil diese preußische Geschichte nicht wirklich vermisst wird. Deswegen kommt da die Hilfskonstruktion der stadtarchitektonischen Gestalt, die eine Stadt, eine Stadtlandschaft in all ihren Brüchen und Etappen enthalten soll – auch mit dieser Etappe preußischer Geschichte. Das ist doch eine andere „Vollständigkeit“.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Ich möchte Ihnen widersprechen. Es scheint mir sehr wohl so, dass bei manchen Vertretern eine Sehnsucht nach dem Preußischen besteht. Es hat jedoch keine breite gesellschaftliche Basis.

WOLFGANG KASCHUBA: Ja, das ist schon richtig. Ich glaube, dass es eine sehr kleine Gruppe ist, die dezidiert das Preußische der Geschichte sieht. Während die anderen eben Allgemeinhistorisierer sind und wünschen, dass in dieser Stadtlandschaft noch etwas Zentrales hinzukommen könnte, was London und Paris haben: Wir würden doch auch gut ein Schloss in der Stadtmitte vertragen.

Deswegen war ja die Idee, Neuschwanstein dort hinzustellen, nicht falsch: Weil es in der Tat nur um ein Schloss geht – um etwas, was als imaginärer Teil einer deutschen Geschichte hier berechtigter stünde als in New York. New York kann schlecht ein Schloss in die Mitte stellen, weil dort völlig klar wäre, dass es sich um Walt Disney handeln würde. In Berlin könnte aber ein relativ beliebiges Schloss stehen, welcher Stilrichtung auch immer. Eben einfach ein historisches Gemäuer, das eine Schlosssilhouette entwirft, wie es sich in europäischen Hauptstädten gehört.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Und wie würden Sie die Abgeordneten des Bundestages einordnen in dieser Hinsicht, die im Gegensatz zu einer gespaltenen Öffentlichkeit ja mit großer Mehrheit für die Wiedererrichtung der Schlossfassaden stehen?

WOLFGANG KASCHUBA: Man kann dies nicht ohne die politische und historische Kontextierung sehen und diese Debatte hat natürlich zentral mit der Frage der deutschen Vereinigung zu tun: Was kann an symbolischen Akzentuierungen nach der Vereinigung gesetzt werden? Und man kann bei einem Teil der Politiker sehr deutlich nachvollziehen, dass damit noch einmal ein deutliches Ausrufezeichen zum Ende der DDR gesetzt wird. Quasi mit der Vorstellung, hier exemplarisch deutlich zu machen, wie Geschichte von der DDR ausradiert wurde. Insofern ist diese Frage nach dem, was da ursprünglich stand, eine doppelt symbolische Frage geworden. Man kann ja in vielen anderen Bereichen (west)deutscher Stadtplanung sehen, wie oft symbolische Zeichen einer Geschichte ausradiert wurden, ohne diese wieder zu rekonstruieren. Das hat also durchaus damit zu tun, dass der Wideraufbau des Schlosses auch zum Grabmal des Sozialismus wird.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Wir haben es zurzeit ja mit einem Boom von Rekonstruktionen zu tun: In Frankfurt, Braunschweig, Hannover, Dresden, Leipzig und so weiter. Und offenkundig ist dies ein Phänomen der letzten fünfzehn Jahre. Ich frage mich, woher das kommt? Es sind ja nicht nur ostdeutsche Fälle. Diese symbolische Geste, besonders zur Wiedervereinigung, trifft ja nur auf einen Teil der Fälle zu.

WOLFGANG KASCHUBA: Es gibt offenbar eine deutsche Befreiung in der Geschichte: Wir dürfen uns heute wieder historisieren. Man muss einfach immer bedenken, dass dies im europäischen Vergleich lange Zeit weder in Westdeutschland noch in der DDR wirklich möglich war. Jetzt ist die Erinnerung „durch Geschichte“ legitimiert: Wir haben die Geschichte nun bewältigt, haben anerkannt, dass wir Täter waren, haben es geschafft, die gespaltene Nation zu überwinden. Jetzt haben wir sozusagen auch das Recht, uns in dieser Geschichte wieder aufzuhalten. Und diese Wiederinbesitznahme korrespondiert auch mit der Thematisierung von Symbolen lokaler Geschichte, lokaler Landschaft, lokaler Erinnerung. Denn diese Geschichte soll nun auch dazu beitragen, Unverwechselbarkeiten wieder herzustellen. Und natürlich ist eine Stadt mit der Frauenkirche, die wieder aufgebaut ist, deutlich markanter als eine Stadt mit einem Platz, an dem die Frauenkirche gestanden hat. Diese Form der Erinnerung an Abwesendes, das zeigt gerade auch die Berliner Mauer, trägt nicht lange. Dann fragt man immer: Wo stand die Frauenkirche? Und irgendwann fragt man: Was war denn die Frauenkirche eigentlich? Und niemand weiß das mehr. Jetzt ist die Frauenkirche da und man hat im Grunde genommen eben beides: Dresden ist wieder im symbolischen Besitz seiner Geschichte an einem markanten Punkt und nutzt gleichzeitig diese Wiederinbesitznahme der Geschichte als symbolisches Kapital für Tourismus und für Stadtmarketing. Alle sind jetzt überzeugt davon: Da war eine Lücke! Dieser Turm hat uns einfach gefehlt obwohl die wenigsten von denen, die heute leben, ihn jemals gesehen haben.

Ich bin da gegen jede Arroganz. Natürlich sind solche Bedürfnisse da und sie sind durchaus auch legitim. Man sollte eben darüber diskutieren können, wie damit umzugehen ist und dass es unterschiedliche Bedürfnisse und unterschiedliche Lösungen gibt.

Es sind Fragen nach Herkunft und Bestand, die plötzlich wieder stärker in den Vordergrund drängen. Das korrespondiert mit konservativen Orientierungen von mittleren Schichten und bürgerlichen Milieus in vielen europäischen Ländern von Italien bis Dänemark und von England bis nach St. Petersburg. Eben auch mit Positionierungen des Eigenen, mit Abgrenzungen gegen das Fremde, mit Wendungen gegen Globalisierung, gegen Migration und vieles andere mehr, das bedrängend oder bedrohlich erscheint.

Das Problem scheint mir eher darin zu bestehen, dass es im Moment in vielen europäischen Gesellschaften einen Erinnerungsfundamentalismus gibt, der nur eine Form der Erinnerung zulassen will, der mit absolutistischem Anspruch sein Geschichtsbild durchzusetzen versucht. Nationalisten, Christen und Islameiferer geben sich da wenig.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Wobei in der ganzen Auseinandersetzung ja gar nicht ausgemacht ist, wer hier eigentlich Modernisierer ist und wer konservativ. Bauliche Abrisse und Rekonstruktionen, die die lineare Logik der Geschichte durchbrechen und neu zu konstruieren, entspricht quasi der modernen Idee des technischen Machbaren auf des Geschichtliche auszuweiten. Die Haltung, das vorgefundene zu akzeptieren und auf Bildkorrekturen durch Abrisse und Rekonstruktionen zu verzichten, ist ja hingegen die eigentlich Konservative.

WOLFGANG KASCHUBA: Der Herstellungsprozess heutiger Rekonstruktion ist nicht zufällig ein hochmoderner. Es ist eine Wiedergeburt der Architektur aus dem medialen Abbild, aus der Photografie. Man hat photogrammetrische Verfahren entwickelt, mit denen man anhand der Photos, der preußischen Messfotographie des 19. Jahrhunderts, wieder zu dreidimensionalen Modellen kommt, anhand derer man dann die Gebäude rekonstruiert. Und die Reproduktion erfolgt ja auch primär für den medialen Blick, den touristischen Blick, für die Erstellung von Fotos, Videoaufnahmen und Fernsehsendungen, wie man am Pariser Platz am Brandenburger Tor gut studieren kann. Letztendlich handelt es sich im doppelten Sinne um eine mediale Architektur. Ja, in dieser Hinsicht ist es natürlich eine außerordentlich postmoderne, weil extrem konservative Form der Authentisierung. Danzig ist quasi „aus Erinnerung“ nachgebaut worden, während es in Berlin auf den Millimeter genau stimmen soll. Dieses zwanghafte Authentisieren, in Echtheiten und Ursprünglichkeiten denken, ist heute eine wesentliche Dimension.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Es gibt etwas, das nicht nur an diesem Projekt sehr auffällig ist, sondern an der ganzen Symbolgeschichte Berlins der letzen fünfzehn Jahre und das auch auf die Moskauer Erlöserkirche zutrifft: Dass diese Neugestaltung symbolischer Orte auf private Initiativen zurückgehen. Das Holocaustmahnmal, das Schloss und auch im gewissen Maße das Mauergedenken mit dem Gedenkort am Checkpoint Charlie sind alles private Initiativen. Ist das gar nicht anders vorstellbar?

WOLFGANG KASCHUBA:  Es gibt auch Beispiele dafür – gerade in den osteuropäischen Ländern -, dass Regierungen solche Projekte initiieren, aber im Wesentlichen haben Sie Recht: Der Politik erleichtert dies viel, sie kann sich damit legitimieren und sagen: „Die Idee kommt mitten aus der Gesellschaft, ist eine dominante Strömung. Wir greifen gesellschaftliche Ideen nur auf und verwirklichen sie.“ Andererseits kommt sie damit in Gefahr, zur Getriebenen zu werden – vielleicht ist das Humboldt-Forum auch dafür schon ein Beispiel.

Das Gespräch führte Philipp Oswalt im Februar 2008. Redaktionelle Bearbeitung Laura Rottmann und Nina Brodowski

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