Warum befindet sich die moderne Architektur in der Krise?


Rem Koolhaas sprach auf der Fun-Palace-Konferenz (Volkspalast) im Herbst 2004 im Palast der Republik von den Schwierigkeiten der Moderne in der Beschäftigung mit der Vergangenheit. ///

 

Drei Defizite lassen sich im Streit um das Berliner Stadtschloss und den Palast der Republik erkennen, und sie betreffen allesamt das Selbstverständnis der zeitgenössischen Architektur.

 

Rekonstruktion versus moderner Architektur

Die Architekten waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht fähig, über die Vergangenheit konstruktiv nachzudenken. Überall wurden nach dem Krieg Gebäude originalgetreu rekonstruiert, doch niemand von uns verlor ein einziges gutes Wort darüber. Wir hatten aber keine triftigen Gründe, dagegen zu sein. Wir waren dagegen, weil ein moderner Architekt einfach nicht für die Idee der Rekonstruktion sein kann. In Wahrheit hatten wir aber oft nichts Besseres zu bieten als das, was eine Rekonstruktion leistet.

 

Architektur und Politik

Die Architekten waren nicht in der Lage, ein eigenes theoretisches Konzept zu entwickeln. Es entstand nichts, was sich auch nur annähernd mit dem architektonischen Diskurs vor dem Zweiten Weltkrieg hätte messen lassen können. Wir haben den Anschluss an die politische Diskussion verloren und auch keinen anderen legitimen Ort der Auseinandersetzung gefunden, um über eine grundlegende und intelligente Architektur zu verhandeln. Das wäre aber ungeheuer wichtig. Architektur hat ja nur dann Berechtigung, wenn sie eine Utopie formuliert. Seit 1945 aber hat sich die Vorstellung einer gesellschaftlichen Aufgabe kontinuierlich verloren. Zwar wurde der Verlust durch viele reizvolle neue Erfindungen der Architekten kompensiert. In den letzten Jahren aber, in denen die öffentlichen Bauaufgaben immer weiter schrumpften und wir Architekten zunehmend privaten Interessen dienten, wurde deutlich, dass der Verlust an theoretischem Gehalt auch ein Verlust an architektonischem Gehalt darstellt.

 

Die erzwungene Befreiung

Das dritte Defizit liegt in der Selbstüberschätzung der Architekten. Vor allem in den sechziger Jahren behaupteten sie, durch befreiende Architektur die Gesellschaft befreien zu können. Damit verwickelten sie sich in einen Widerspruch, denn was sollte das sein: eine erzwungene Befreiung? Diese Auffassung hat sich seit den 1960er Jahren eigentlich kaum verändert. Als ich 1968 an die Architectural Association nach London kam, war ich von diesem Anspruch der Architektur tief beeindruckt und gleichzeitig irritiert. Ich war erstaunt, mit welcher Arroganz die Fähigkeit zu Liberalisierung und Befreiung durch Architektur in Anspruch genommen wurde.

Cedric Price war für mich die faszinierendste Personifizierung dieses Widerspruchs. Sein Projekt Fun Palace basiert im Prinzip auf erzwungener Improvisation. Folgende Anedokte bringt es auf den Punkt: In einer Vorlesung skizzierte er einen Entwurf und sagte plötzlich, dass es manchmal vielleicht besser wäre, einem Ehepaar die Scheidung zu empfehlen, als für sie ein neues Haus zu bauen. Einerseits nimmt der Architekt sich bescheiden zurück, während auf der anderen Seite – wie es der Architekturkritiker Charles Jencks wunderbar anmerkte – sich die Frage erbebt: Wie soll man das einem Ehepaar eigentlich schonend beibringen? Oft handelte es sich nur um eine verkappte Form von Arroganz und Autoritarismus. Daran leiden wir bis heute.

 

 

Berliner Schloss und Palast der Republik

Drei Dinge treiben die Diskussion an: Uns fehlt eine konsistente Beziehung zur Vergangenheit, überhaupt die Fähigkeit, die Vergangenheit im Ganzen und in ihrem Wesen angemessen zu analysieren. Weil wir den ideologischen Aspekt dieser Diskussion ignorieren, verfallen wir der nostalgischen Annahme, dass befreiende Architektur möglich sei.

Vollends paradox wird die Situation dadurch, dass sich inzwischen etliche Initiativen darum bemühen, anstelle des Stadtschlosses den Palast der Republik zu rekonstruieren. Für dieses Gebäude hatte niemand ein gutes Wort übrig, als es noch intakt war. Wir empfanden es als eine vollständige Anomalie und ein abscheuliches Beispiel absurder, geschmackloser und übertriebener Architektur; es gab keinen Kollegen, der es verteidigt hätte. Offenbar war es lange unmöglich, diese Art Architektur in ihrer Schönheit zu verstehen.

Ironischerweise gelingt das erst jetzt, da wir selbst genauso saturiert und selbstverliebt geworden sind wie die Erbauer dieses Palasts und es ist absurd, eine Erhaltung mit dem Fun Palace von Cedric Price zu legitimieren. Zur Saturiertheit gehört auch, die Rekonstruktion des Schlosses nicht als Ziel der Moderne zu sehen. Niemand stellt die Frage, ob nicht die Rekonstruktion möglicherweise ein Potenzial zur Neuerfindung von Architektur birgt. Ob sie nicht die Option bietet, eine neue und einzigartige Beziehung zu schaffen zwischen dem, was schon ist, und dem, was nicht mehr ist beziehungsweise noch nicht ist. Offenbar scheuen wir ein neues Nachdenken. Wir begnügen uns, von einer Umwandlung des Palasts zu träumen. Das ist nicht genug.

 

Der Fun Palace und die lernende Architektur von Cedric Price

Die Idee des Fun Palace von Cedric Price basiert auf einem romantischen Grundgedanken. Überhaupt war er ein sehr romantischer, beinahe viktorianischer Typ, der sich einem rigorosen Modernismus verschrieben hatte. Das stand einer Realisierung seiner Visionen stets im Wege. Er hat sich ständig neu erfunden, und da er seine Ideen in der Realität niemals testen konnte, entwickelte er eine Art terrorisierenden Radikalismus. Am Ende blieb der Verrat seiner eigenen Vision. Von den romantischen Zeichnungen einer Anfangsbehauptung blieben trockene und beinahe absurde Diagramme übrig. Cedric Price ergänzte die Berufsbezeichnung auf seinem Briefkopf gerne mit einem „Anti“. Der Antiarchitekt – Kritiker eines eitlen Berufsstandes und befreit von gesellschaftlicher Verantwortung: Ist er nicht das gleiche Super-Ego, das Cedric Price kritisierte?

Interessanter als der Fun Palace ist das Projekt einer lernenden Architektur von Cedric Price, The Pottery Thinkbelt. Hier schlägt er vor, die verlassene Infrastruktur eines Industrie- und Eisenbahngeländes für eine neue Planung zu nutzen. Die Faszination für das Verfallene und die Fähigkeit, Verfallenes neu zu entdecken und zu nutzen, ist der erste Schritt zu einer grundsätzlichen Neubewertung der Beziehung von Architektur und Vergangenheit. Es ist der erste mir bekannte Versuch eines Architekten im 20. Jahrhundert.

 

Die Idee der Erhaltung in der Arbeit von OMA/AMO

Zunächst haben wir die Trennung von moderner Architektur und einer Architektur der Erhaltung aufgegeben, die wir alle schon akzeptiert hatten. Die Kluft zwischen Erhaltung und Moderne musste überwunden werden. Diese Gelegenheit bot sich uns in China, wo sich eine rasante Modernisierung vollzieht. Die Stadt Peking verabschiedete sich in kürzester Zeit von ihrer Vergangenheit und ersetzte sie durch bizarre Formen der Moderne. Die asiatischen Besonderheiten verschwanden und dieses Opfer wurde mehr und mehr zu einem politischen Problem, in das wir uns mit einem Blick auf die Geschichte der Erhaltung eingemischt haben.

In der Französischen Revolution, so um das Jahr 1790, wurden die ersten Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Das war logisch, denn jede Revolution muss entscheiden, was sie behalten will und was nicht. Die zweite Denkmalwelle lässt sich um 1870 beobachten, zum Zeitpunkt einer anderen, der industriellen Revolution. Zwei Revolutionen, eine politische und eine industrielle, gaben die ersten deutlichen Signale, dass die Erhaltung von Gebäuden wichtig wurde. Beides also, das Erhalten wie das Modernisieren, entspringt dem Fortschritt. Sie sind beide Teil eines Ganzen, ja, sie nähern sich sogar immer stärker an. Erst waren es nur die Burgen und Schlösser, die bewahrt wurden. Mittlerweile stellen wir auch Konzentrationslager und Freizeitparks unter Schutz, Kasinos, ganze Innenstädte. Sogar Teile des Monds sollen denkmalgeschützt werden. Unser Verlangen nach Erhaltung wächst systematisch und bezieht längst die Gegenwart mit ein. Um 1800 hielt man nur Bauwerke für erhaltenswert, die ungefähr 2000 Jahre alt waren. Um 1900 reichten 200 Jahre für eine Unterschutzstellung. In den 1960er Jahren schloss der Bewahrungswille schon Dinge ein, die nur 40 Jahre alt waren. Wahrscheinlich werden wir bald von der Zeit überholt und werden Bauten unter Schutz stellen, die es noch gar nicht gibt. Nicht die Vergangenheit würde dann bewahrt, sondern die Zukunft. Schon im Moment der Entstehung eines Bauwerks wäre entschieden, ob wir es erhalten oder nicht. Das mag bizarr erscheinen, hat aber eine aufregende Konsequenz. Es könnten ganz unterschiedliche städtische Zonen entstehen: Zonen der Bewahrung und Zonen, in denen ein beständiger Wechsel zwischen Alt und Neu herrscht. Damit ließe sich vermeiden, was wir im Moment erleben: dass uns das ausufernde Unterschutzstellen lähmt.

Wir könnten lernen, dass manche Dinge auch verschwinden müssen. Wir könnten freier auf die Dinge blicken, die uns umgeben und einen neuen Blick auf das Vergangene öffnen. Wir könnten das Bauen und das Bewahren wieder zusammen denken. Die Feindschaft zwischen den Palast- und Schloss-Freunden in Berlin würde sich erledigen. Beide Bestrebungen könnten verschmelzen. Damit meine ich nicht die merkwürdige Form von Zwangsharmonisierung, die in jüngster Zeit überall aufgekommen ist, wie zum Beispiel bei der Innenhofüberdachung des British Museum in London. Statt sich auf die bestehende Struktur einzulassen, hat ihr der Architekt Norman Foster einfach ein filigranes Dach übergestülpt, das entsetzliche Dreiecksschatten wirft. Die Bibliothek in der Mitte des Innenhofs ist ihres Wesens vollkommen beraubt. Ähnliche Fälle gibt es hundertfach. Gewiss gibt es gute Gründe, das Berliner Schloss nicht wiederhaben zu wollen. Aber die Debatte krankt daran, dass wir nicht wissen, was wir sonst wollen. Selbst der Plan, stattdessen aus dem Palast der Republik eine Art Hauptquartier der Gegenkultur zu machen, gehört zu jenen guten Absichten, die bloßes Dekor bleiben, solange nicht endlich die großen Schwächen der zeitgenössischen Architektur in den Blick geraten.

Erstmals erschienen in: Fun Palace 200X. Der Berliner Schlossplatz. Abriss, Neubau oder grüne Wiese? Hg. Philipp Misselwitz, Hans Ulrich Obrist, Philipp Oswalt, Berlin, 2005

 

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