Identitätskonstruktionen im digitalen Zeitalter

Der Vorschlag, das Berliner Schloss wiederaufzubauen, ist nicht so nostalgisch, wie es zunächst erscheint. Bei genauerem hinsehen erweist sich der Vorschlag zum Wiederaufbau des Schlosses als das Konzept einer medialen Architektur. Nicht nur, dass die meisten Befürworter das Bauwerk nur aus Fotografien kennen. Das Medium der Photographie ermöglicht überhaupt erst die Rekonstruktion, wie Philipp Oswalt im folgenden Text darlegt. ///

Der Vorschlag, das Berliner Schloss wiederaufzubauen, ist nicht so nostalgisch, wie es zunächst erscheint. Denn niemand will das Berliner Schloss wiederaufbauen. Dies wäre bei einem Gebäude, dessen Nutzung obsolet ist, dessen Baukosten mit 1 bis 2 Milliarden DM zu veranschlagen sind, und dessen anvisiertes Bauvolumen das des Sony-Centers am Potsdamer Platz einschließlich Hochhaus deutlich übersteigt, auch kaum realisierbar. Worum geht es also? Die Vorschläge für den “Wiederaufbau” sehen die Nachbildung einiger der historischen Fassaden vor, wofür ein Bauvolumen in der grob vereinfachten Form des ehemaligen Stadtschlosses errichtet werden soll. Das eigentliche Gebäude erhält neue Funktionen und in weiten Teilen eine neue Raumstruktur.

Bei genauerem hinsehen erweist sich der Vorschlag zum Wiederaufbau des Schlosses als das Konzept einer medialen Architektur. Nicht nur, dass die meisten Befürworter das Bauwerk nur aus Fotografien kennen. Das Medium der Photographie ermöglicht überhaupt erst die Rekonstruktion. Beim Abriss im Jahr 1950 wurden nur wenige Elemente des Bauwerks gesichert oder mit Abgüssen dokumentiert, der Großteil verschwand sorgfältig zerkleinert in den großen Trümmerbergen in Friedrichsfelde und im Köpenicker Forst. Die Originalpläne der Architekten sind verlorengegangen, das existierende Aufmaß ist ungenau. Was vom Schloss geblieben ist, sind eine Großzahl von Fotografien aus den letzten hundert Jahren seines Bestehens. Für den Wiederaufbau soll nun mittels digitaler Photogammetrie der einstige Zustand rekonstruiert werden. Nach dem Einscannen der Fotos werden aus der Kombination mehrerer zweidimensionaler Bilder rechnerisch dreidimensionale Informationen generiert. Man möchte bezweifeln, ob auf solche Weise die für die Architektur so wesentlichen bildhauerischen Arbeiten des Barockbaumeisters Andreas Schlüters rekonstruiert werden können. Doch gleichwohl fasziniert, wie mittels des Einsatzes neuer Medien in einer Art Zeitreise das Vergangene in die Gegenwart zurückgeholt werden soll.

Ebenso wie ihre Erstellung legt die Rezeption einer solchen Architektur ihren medialen Charakter offen. Die historisierende Bebauung des Pariser Platzes am Brandenburger Tor hat dies bereits exemplarisch gezeigt. Der vermeintlich rekonstruierte Stadtplatz ist zum Hauptstadtstudio der Fernsehanstalten und Werbeagenturen geworden. Nahezu täglich finden hier Fernseh- und Filmaufnahmen statt, um vor der historischen Kulisse Produkte, Dienstleistungen, Politiker oder Kulturevents zu vermarkten, während sie zwischen den Events von Touristen fotografiert und gefilmt wird. Ebenso wird wohl das nach technischen Bildern wiederaufgebaute Schloss vornehmlich der Erzeugung neuer Bilder dienen.

Die Wiedergeburt der Geschichte mittels moderner Medien eröffnet neue Möglichkeiten: Elemente von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft können nach aktuellen Bedürfnissen beliebig ausgewählt, kombiniert und modifiziert werden. Das einst Komplizierte, Widersprüchliche und Anstößige kann in das Eingängige und leicht Konsumierbare überführt werden. Und so soll denn auch mit dem Berliner Schloss verfahren werden: Niemand will den feingliedrigen Renaissanceflügel des Berliner Schlosses wiederaufbauen, von den beiden Innenhöfen soll auch nur einer rekonstruiert werden, in Teilen zumindest. Dabei soll ein Glasdach den Schlüterhof in ein postmodernes Atrium verwandeln, um ihn als Festsaal nutzbar zu machen. Ob das Schloss mit oder ohne Kuppel besser gefällt, darüber streiten noch die Experten. Doch ansonsten ist man sich einig, dass eigentlich nur barocke Elemente des in 500 Jahren angewachsenen Baukörpers rekonstruiert werden sollen. Bei der Rekonstruktion der Schlossfassaden legt man Wert auf traditionelle handwerkliche Arbeit, eine maschinelle Umsetzung der am Computer erzeugten Daten ist Tabu. Die scheinbare Präzision im Detail soll Authentizität und Geschichtlichkeit suggerieren, während man alles missliebige, nicht eingängige oder unökonomische modifiziert. Der über Jahrhunderte immer wieder veränderte Baukörper, der angeschüttet, aufgestockt, umgestaltet, erweitert und beschnitten wurde, der alle Stilepochen von Spätgotik, Renaissance, Barock, Klassizismus bis zum Wilhelminismus durchlief, soll nun in wenigen Jahren aus dem Nichts wiederentstehen. Die dabei vollzogene Glättung und Manipulation des Geschichtlichen ist kein Kunstfehler, sondern Absicht. So bejubelt das Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel‘ ohne jede Ironie die pseudohistorische Architektur des Hotel Adlons am Pariser Platz in Berlin als ein Bau, der “so tue, als sei er schon einmal da gewesen, als hätte es den Abriss, all die Schmerzen der Geschichte nicht gegeben”.

Dies ist ohnehin das unausgesprochene Motto der Berliner Baupolitik seit 1989: Mit dem 21. Jahrhundert unmittelbar ans 19. anknüpfen und dabei die Spuren des 20. Jahrhunderts auslöschen; eine angesichts der Deutschen Geschichte verständliche, wenn auch äußerst problematische Sehnsucht. “Geben wir der Stadt ihre Identität zurück” – dieser Appell von Wilhelm von Boddien zum Aufbau des Schlosses versteht die Zeit vor 1918 als eigentlich identitätsstiftendes Moment für Berlin.

Tatsächlich aber ist die Stadt wie keine andere von der Geschichte des 20. Jahrhunderts gezeichnet ist. Sie hat die wesentlichen Kräfte dieser Epoche – Moderne, Faschismus, Weltkrieg, Stalinismus, Sozialismus, Kalter Krieg, Revolte, Kapitalismus etc. – in sich absorbiert und ihnen Gestalt gegeben. In einer steten Wiederkehr von Zerstörung, Planung und Neubau entwickelte sich Berlin zu einem Konglomerat widersprüchlicher ideologischer Elemente. Hierin spiegelt sich zugleich die politische Geschichte Deutschlands. Im letzten Jahrhundert hat Berlin den Niedergang von vier deutschen Staaten erlebt. Geschichtlichkeit ist hier weniger lesbar in der Akkumulation historischer Bausubstanz als in den Spuren ihrer permanenten Auslöschung. Es ist das Paradox Berlins, dass es gerade wegen des Fehlens der meisten seiner bedeutenden historischen Bauten als Ort voller Historie erscheint. In keiner anderen Stadt ist deutsche Geschichte so deutlich erfahrbar – bisher zumindest.

Denn mittlerweile werden im Namen der ‚Historie‘ diese historischen Spuren beseitigt. Dabei stellt die Idee der Schlossrekonstruktion nur den Höhepunkt einer allgemeinen Redesigns der Berliner Innenstadt dar, die seit dem Mauerfall stattfindet: Nachdem man den Boulevard Unter den Linden in den letzten Jahren von DDR-Bauten weitgehend bereinigt hat, liegen die Entwürfe für die Überformung des übrigen Ostberliner Zentrums bereit. Wenn alles nach Plan läuft, wird in wenigen Jahren von den baulichen Zeugnissen der einstigen Hauptstadt der DDR nichts Nennenswertes mehr vorhanden sein. Auch in den anderen Bereichen der City, im Westen wie im Osten, bemüht sich die Berliner Baupolitik mit allen verfügbaren Kräften, ein homogenes, vermeintlich historisch legitimiertes Stadtbild durchzusetzen. Die Brüche im Stadtkörper sollen kaschiert und die baulichen Strukturen der Moderne aus dem Stadtbild verschwinden. Die dabei zutage tretende Gewalttätigkeit stellt durchaus eine Berliner Tradition dar. So verweist der englische Publizist Ian Bururma darauf, dass in der Geschichte Berlins die Vergangenheit immer etwas war, das zerstört, gereinigt oder in verfälschter und verzerrter Form neu erfunden wurde. So ist Berlin heute zum wiederholten Male Zerstörungen ausgesetzt, die versuchen, eine neue Geschichte zu kreieren. Denn die Deutschen träumen nicht von einer anderen Zukunft, sondern von einer anderen Vergangenheit. Berlin soll zu einer normalen europäischen Stadt werden, Deutschland zu einem normalen Land, dessen unglückselige Geschichte man mit dem Ende der Nachkriegszeit aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt und der Gesellschaft tilgen möchte.

Was wäre die Alternative? Die städtebauliche Situation am Lustgarten und Schlossplatz ist völlig unbefriedigend; insofern besteht Handlungsbedarf. Auch der Palast darf kein Tabu sein. Zudem ist er ohnehin nur noch ein Gespenst seiner selbst. Mit der Asbestsanierung wurde sein gesamtes Innenleben entsorgt, selbst vom Volkskammersaal existieren nur noch kleine Musterproben der Wand und Bodenflächen sowie das Mobiliar. Doch auch er gehört zur Geschichte dieses Ortes.

Bei dem notwendigen Entwurf für die Neugestaltung des Ortes geht es nicht nur um die Findung einer architektonischen, sondern auch einer städtebaulichen Lösung. Der parteiübergreifende Konsens der Politiker von CDU bis zu den Grünen, in jedem Falle die Kubatur des ehemaligen Schlosses wiederherstellen zu wollen, erscheint städtebaulich als ausgesprochen fragwürdig: der Kontext, auf den sich das Schloß einst bezog, hat sich seit dem zweiten Weltkrieg wesentlich verändert.

Nicht nur ist an Stelle des Schlosses der ungeliebte Palast der Republik getreten, sondern auch die umgebende Stadt wurde gravierend verändert: die städtebaulichen Strukturen der mittelalterlichen Doppelstadt Berlin-Cölln, auf die sich das ursprüngliche Schloss einst bezog, sind aufgrund von Kriegszerstörungen nahezu vollständig verschwunden. Durch die Neuanlage der Stalinallee, des Alexanderplatzes und des Funkturms hat sich das Zentrum der östlichen Teilstadt nach Osten verlagert und bildet heute ein grundlegende neue Konfiguration. Bewahrt hat sich die Situation zum Lustgarten und zu der Straße Unter den Linden.

Doch auch hier zeigt ein Blick in die Geschichte, dass das vermeintlich unveränderliche einer steten Transformation unterlag: Das Schloss war ursprünglich nicht nach Norden, zur Straße Unter den Linden orientiert, sondern nach Süden, zur mittelalterlichen Altstadt. Als Preußen 1701 zum Königreich wurde, baute Andreas Schlüter das Schloß zur königlichen Residenz im Stile des Barocks um. Dabei befand sich das Hauptportal noch im Süden, und der Lustgarten auf der Rückseite des Schlosses, die Dorotheenstadt mit der Straße Unter den Linden jenseits der Festungsmauern. Sein Nachfolger Eosander verdoppelte das Schloss nach Westen und wenig später wurde die Orientierung des Schlosses um 180 Grad gewendet: der Dom im Süden abgerissen und am Lustgarten neu errichtet, die Festungsanlage geschleift und die Leerstelle zum berühmten Forum Fridericianum ausgebaut. Auch im Inneren erfolgten kontinuierliche Umbauten, um das Bauwerk dem jeweiligen Zeitgeschmack und neuen Funktionen anzupassen. Um 1850 errichtete Friedrich August Stüler die große Schloßkuppel, um die Dominanz des Schlosses in der schnell wachsenden Stadt zu sichern. Nach 1885 erfolgten massive Eingriffe in die Stadtstruktur: Die Straße Unter den Linden wurde nach Osten mit dem Neubau der Kaiser-Wilhelm-Straße verlängert, womit der Lustgarten vom Schloß abgetrennt wird; ein Teil seines Renaissanceflügels fiel dem Straßendurchbruch zum Opfer. Im Westen riß man die Bebauung der Schloßfreiheit ab, wodurch die Residenz einen Teil ihrer städtebaulichen Fassung verlor. Am Lustgarten wurde der zuletzt von Schinkel umgestaltete Dom gesprengt, um einen monumentalen Prunkbau Platz zu machen, der die städtebauliche Balance zerstörte. Auch verlor das Schloß in dieser Zeit seine dominierende Funktion, das städtische Gravitationszentrum verschob sich nach Westen.

Historisch betrachtet ist das Schloss kontinuierlich modifiziert und umgebaut worden, teils als Reaktion auf Veränderungen in seinem städtebaulichen Umfeld, teils selber Transformationen hervorrufend. Die Geschichte der einstigen Mitte zeigt ein städtebauliches Kräftespiel auf, das stets neue städtebaulichen Konfigurationen hervorgebracht hat. Und heute stehen wir wieder vor der Aufgabe, nach einer äußerst gewaltsamen Veränderung dieses Ortes eine adäquate städtebauliche und architektonische Antwort für die jetzige Situation zu finden.

Skepsis ist dabei weniger gegenüber der zeitgenössischen Architektur angebracht, die mit Bauten wie etwa dem Guggenheim Museum in Bilbao, der Tate-Gallerie in London oder dem Jüdischen Museum in Berlin vielfach nicht nur ein Können, sondern auch eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung bewiesen hat. Angesichts des Baugeschehens im Berlin des letzten Jahrzehnts und dem staatlichen Auftreten auf den Weltausstellungen muss man allerdings Bedenken haben, ob Baupolitik, Bauherrenschaft und Baukultur in Berlin zur Zeit eine tragfähige Basis für ein solches Unterfangen bilden. Die Gefahr ist groß, dass hier Architekturkultur zwischen Ideologisierung und Pragmatismus, zwischen Kulturpessimismus und Profitinteressen zerrieben wird.

Erstmals erschienen in Süddeutsche Zeitung, 18.9.2000 unter dem Titel ‚Glättung der Geschichte. Berlin sucht eine neue Vergangenheit‘

 

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