Das Kronprinzenpalais – Ein Denkmal der DDR-Moderne

Die „Rekonstruktion“ des Kronprinzenpalais ist eine durchaus selbstbewusste Weiterentwicklung der Moderne im damals zeitgenössischen Gewand, wie Nikolaus Bernau in diesem Beitrag darlegt. ///

 Unter den historischen Gebäuden der Straße Unter den Linden bil­den das Palais Unter den Linden, das ehemalige Kronprinzenpalais, und das Operncafe, früher Prinzessinnenpalais, ein kleines Ensemble für sich. Obgeich nicht so groß wie die benachbarten Bauwerke, sind sie architektonisch von gleichem Rang. Sie gehören zu den ältesten Gebäuden der Straße.(1) 

Ludwig Deiters, Generalkonservator der DDR 1982

Zumindest für das Kronprinzenpalais (…) am derzeitigen Ende der Traditionsachse Unter den Linden darf die Behauptung gewagt wer­den, daß es sich bei dem Neubau kaum weniger um ein sozialisti­sches Erbe der Nachkriegszeit handelt als bei den angrenzenden, auf Anhieb modern wirkenden Teilensembles der zentralen Magi­strale.(2)

Jörg Haspel,Landeskonservator von Berlin 1995

Kaum ein Berliner Gebäude ist so eng mit dem Mythos des Kampfes um die klassische Moderne in der Weimarer Repu­blik und mit der Niederlage gegen die Nazis 1933 und 1937 verbunden wir das einstige Kronprinzenpalais Unter den Linden Nr. 3. Doch während die Geschichte dieses zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichteten und schließlich 1856/57 durch Johann Heinrich Strack durchgreifend umgestalteten und aufgestockten Gebäudes bereits im 19. Jahrhundert detailliert untersucht wurde und die Geschichte der darin in den 20er und 30er Jahren gezeigten Kunst­werke Thema intensiver Forschung war, ist sein Schicksal nach dem Krieg mit den schweren Zerstörungen, dem totalen Abriß 1961 – gemeinsam mit der Bauakademie zugunsten des Außenministerium­ Neubaus der DDR(3) – und dem schließlichen Neubau 1968/69 nach Plänen Richard Paulicks und Werner Prendels weitgehend unbe­kannt geblieben.(4) Andererseits aber wird dieser Neubau in der Diskussion etwa um den »Wiederaufbau« des Berliner Stadtschlosses unkritisch als Beleg für die erfolgreiche Wiedergewinnung eines zerstörten historischen Stadtbildes angeführt. Doch das unter dem ideologisch neutralen Namen »Palais Unter den Linden« als Kultur­und Gästehaus des Magistrates von Groß-Berlins neu errichtete »Kronprinzenpalais« – wie es auch hier vereinfachend genannt wer­den soll – ist vor allem ein modernes Bauwerk der DDR-Architektur, wenn auch mit einer historisch anmutenden Fassade.

Von der alten Berliner Innenstadt aus gesehen steht das »spät­klassizistische« Haus an der Stelle des Kronprinzenpalais gemeinsam mit dem »barocken« Zeughaus wie ein repräsentatives Portal zur Straße Unter den Linden. Eine städtebauliche Situation, die in ihrer Wirkung 1996 durch den Abriß des 1963-66 vom Kollektiv Josef Kaiser errichteten Außenministeriums der DDR noch verstärkt wurde. Dieses begrenzte bis dahin als großer, weißer Riegel die Westseite des damaligen Marx-Engels-Platzes. Seither bildeten die Friedrichswerdersche Kirche und die von Pappeln überragten Gar­tenmauern des »Kronprinzenpalais« mit dem hellgrau-weißen Pavil­lonturm der ehemaligen »Schinkel-Klause« eine langgestreckte, durchaus wohlkomponierte Flanke, welche die dichtbebaute Fried­richstadt gegen die aufgerissene Weite des nunmehrigen Schloß­platzes abgrenzt.

Wie das Prinzessinnenpalais und die alte Kommandantur war auch das Kronprinzenpalais im Krieg schwer beschädigt worden, wie in einem Bericht der Denkmalpflege von 1951 skizziert wird: »Das Gebäude ist völlig ausgebrannt, fast sämtliche Zwischendecken zerstört, Mauern etwa zu 50%. An der Fassade sind erhalten: die Mauer bis zum Übergang zum Prinzessinnenpalais in der Ober­wallstr. Der Putz zu 60-70 %. Der Säulenvorbau ist zerstört (Es steht noch eine Säule),2 Figuren auf der Attika in Fragmenten vorhanden. Östl. Anbau fast restlos, die Pergola vollständig zerstört. Bisher keine Restaurationsarbeiten.«(6) Die eher bürgerliche Randbebau­ung des alten Kronprinzenpalais-Komplexes zwischen Unter den Linden, Oberwallstraße, Niederlagstraße und Friedrichswerder­schem Markt allerdings scheint auf alten Fotos noch weitgehend intakt.

Dennoch wurden diese Häuser wie auch Teile des Kronprinzen­palais während der 50er Jahre sukzessive abgebrochen: das dritte Geschoß verschwand, der Treppenturm Schinkels, zuletzt auch die mindestens bis 1958 im hinteren Querflügel untergebrachte Staatli­che Ballettschule, die hier 90 Schüler unterrichtete.(7) Teilweise waren diese Arbeiten Gefahrenabwehr, Passanten sollten nicht durch her­abstürzende Trümmer erschlagen werden. Doch waren sie zugleich Teil der seit der Sprengung des Stadtschlosses 1950/51 vorange­triebenen neuen städtebaulichen Konzeption für das repräsentative Zentrum der sozialistischen deutschen Hauptstadt, wie sie vor allem Richard Paulick entwickelte.

Paulick war als Leiter des Instituts für Bauwesen einer der prä­genden Architekten und Stadtplaner der frühen DDR. Im Gegensatz zu Hermann Henselmann ist es ihm allerdings – wie fast allen an­deren DDR-Architekten – trotz umfangreicher Tätigkeit kaum gelun­gen, über Fachkreise hinaus bekannt zu werden.(8) Geboren am 7. November 1903 in Roßlau/ Elbe studierte er von 1919 bis 1927 an der Technischen Hochschule in Dresden bei M. Dülfer und an der Berliner Technischen Hochschule bei Hans Poelzig und dem Stadt­planer Hans Jansen.(9) Bereits seit 1926 war Paulick gleichzeitig Mitarbeiter bei Walter Gropius. 1933 emigrierte er nach Shanghai und eröffnete dort 1937 ein eigenes Büro, um 1942 in der inter­nationalen Handelsstadt als Professor berufen zu werden. 1945 wurde Paulick Leiter des Stadtplanungsamtes von Shanghai.

Als ihn fünf Jahre später die DDR-Regierung als Chef des Insti­tuts für Bauwesen an der Akademie der Wissenschaften – einer Art Brain-Trust der frühen DDR-Architektur – nach Ost-Berlin holte, war er also bestens vorbereitet auf die Planung einer modernen Metro­pole, selbst unter den beschränkten wirtschaftlichen Möglichkeiten der Nachkriegszeit. In Berlin war Paulick in den folgenden Jahren mit der Konzeption und dem Bau von Teilen der Stalinallee, dem Bau der dortigen Deutschen Sporthalle, dem seit 1951 geplanten Wiederaufbau der Staatsoper Unter den Linden sowie der Wieder­herstellung und modernen Adaption der am »Berliner Forum«, dem Forum Friedericianum, gelegenen Bauten beauftragt.

In seinen Planungen eines »Hauses der Frau« für den »Demokra­tischen Frauenbund Deutschlands« von 1952 war das Kronprinzen­palais als städtebauliches und architektonisches Bindeglied zwischen dem sozialistischen Forum an der Stelle des Stadtschlosses und dem Berliner Forum gedacht. Das Haus der Frau – nach Meinung der Architekturhistorikerin Simone Hain weibliches Pendant zum aufstre­benden Regierungshochhaus auf der anderen Seite der Spree(10)   sollte direkt neben dem Kronprinzenpalais entstehen, ungefähr an der Stelle der zerstörten Kommandantur, jedoch auch unter Hinzu­ziehung der Niederlagstraße. Die alte, nach außen abgeschlossene städtebauliche Position des Kronprinzenpalais und seines Hofgar­tens hätte sich also nicht geändert.

Bereits in diesen Planungen Paulicks jedoch ist der in den Hof­garten des Kronprinzenpalais vorstoßende, real erst später abge­rissene Treppenturm Schinkels entfallen – so wie man wohl insge­samt davon ausgehen kann, daß auch die üppigen Interieurs aus der Zeit Stracks nicht wiederhergestellt worden wären. Denn auf den Zeichnungen zur neuen Kupfergrabenlandschaft von 1952(11) sieht man deutlich, daß das wiederaufgebaute Kronprinzenpalais von Paulick nicht in der 1944 zerstörten dreigeschossigen Gestalt mit hoher Attika, sondern als zweigeschossiger Bau mit Mansard­dach gedacht war, also ungefähr in jener barocken Form, die bis zum Umbau durch Strack 1856/57 existierte. Mit dieser Gestalt hät­te das Kronprinzenpalais einen wirkungsvollen Auftakt und maßstabbildenden Gegensatz zum monumentalen klassizistischen Archi­tekturapperat des Hauses der Frau gebildet. Doch ist die Rückkehr zur 1856/57 verlorenen barocken Urgestalt mehr als nur ein for­maler Trick Paulicks zur Herausstellung des eigenen Werkes.

Noch bei der Planung des Abrisses und Wiederaufbaues der Ruine sieben Jahre später ist diese Fassung der Rekonstruktion selbst bei der städtischen Denkmalpflege unumstritten. In einem Protokoll heißt es: Durch die Kriegsbeschädigung und den jahrelan­gen Offenstand der Mauern zeige das »aufgehende Mauerwerk (…) eine große Anzahl gefährlicher Risse«. Außerdem sei es sehr feucht: »Aus diesem Grund ist beschlossen worden, das Mauerwerk bis zum Kellerhals abzubrechen und wieder neu aufzubauen. (…) Es steht fest, daß der Wiederaufbau in der alten Form von 1733 er­folgen soll.« Deswegen wird die Abformung der aus dem 18. Jahr­hundert stammenden Schmuckformen an den Fensterbrüstungen im ersten Obergeschoß, der Ausbau der steinernen Helme über den Fenstern, deren Ergänzung und Anarbeitung, die Dokumentation der barocken Basen und des Putzschnittes im Erdgeschoß sowie der Ausbau einer »alte(n) Portalbekrönung« im Ostgiebel gefordert. »Alle anderen Schmuckformen (…) stammen von dem Bau aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und sind nicht zu berücksichtigen.«(12)

Die Einschränkung der Dokumentation auf den lang verlorenen barocken Palais-Bau und die Vorstellung, diesen nach alten Planun­terlagen und mit den originalen Fragmenten wiederherzustellen, steht im Zusammenhang mit der von der Denkmalpflege inzwischen sehr kritisch beurteilten Diskussion um die (oft völlig fiktive) »Ori­ginalfassung« bedeutender Kunstwerke, die es durch Rekonstruktio­nen und Restaurierungen wiederzugewinnen gelte.

Diese hatte in der Denkmalpflegediskussion der 50er und 60er Jahre einen breiten Konsens. Der wohl berühmteste Fall ist die Rückführung der mehrfach umgebauten Hildesheimer Michaels-Kir­che in die angenommene Form der bernwardinischen Basilika des 11. Jahrhunderts.(13) Doch auch das Berliner Zeughaus wurde teil­weise wieder in das 18. Jahrhundert zurückversetzt; so verschwan­den das den Hof überwölbende Dach, die im Hof im späten 19. Jahrhundert installierte Freitreppe und auch die „Ruhmeshallen“ im Nordflügel mit ihrer Kuppel, in denen hohenzollerische Waffengänge geplant waren.(14) Dem antihistorischen Originalfetischismus der Nachkriegszeit fielen vor allem Überformungen und Dekorationen des als kitschig und geschmacklos geschmähten späten 19. Jahrhunderts sang- und klanglos zum Opfer.

Doch darüber hinaus gibt es noch DDR-spezifische Gründe für das Vorhaben. Denn Paulick interpretierte das „Berliner Forum“ um die Staatsoper gezielt als historischen Vorläufer des neuen Staatsforums am Marx-Engels-Platz. Deutlich wird dies durch einen beide Plätze zusammenfassenden Plan unter der gemeinsamen Überschrift „Wiederaufbau Berliner Forum“(15). Überspitzt gesagt: Paulick empfand sich viel weniger als „roter Schlüter“, als der er von der „Westpresse“ tituliert wurde, denn als „roter Knobelsdorff“. Dies wird vor allem beim Umgang mit den Ruinen der Staatsoper deutlich, die nicht der letzten Fassung und auch keineswegs in der knobelsdorffschen Urfassung, die bereits im 19. Jahrhundert den Flammen zum Opfer gefallen war, sondern in einer modern adaptierten Version neu errichtet werden sollte. Sie entwickle nach Paulick „die fortschrittlichen Ideen (…) der Aufklärungsphilosophie (…) im Sinne des sozialistischen Realismus“ weiter.(16)

Das Kronprinzenpalais in der Fassung, die 1733 für den späteren König Friedrich II., also den Auftraggeber Knobelsdorffs (s. Journal S. 60ff.) errichtet worden war, ist ein Teil dieser frühen Preußen­Rezeption der DDR. In ihr konnte noch nicht offen der Ruhm des Königs besungen werden (ganz im Gegenteil geht Paulick in seinem Bericht zum Opernwiederaufbau ganz in deutschnationaler Traditi­on scharf mit der Frankreichbegeisterung Friedrichs II. ins Gericht). Doch mittels des Künstlerruhmes von Knobelsdorff konnte auch sei­ne Zeit, die »Aufklärung«, als »fortschrittlich« in die Erberezeption der DDR integriert werden.

An eine andere Tradition sollte die Nutzung des wiederaufge­bauten Kronprinzenpalais anschließen: an die museale der 20er und 30er Jahre. Vorgesehen war in den vagen Planungen – zu einer Ausführung sollte es mangels musealer Masse nicht kommen, in Konkurrenz standen außerdem als Fortführung der Ballettschule auch eine Musikschule oder ein kleinerer Konzertsaal – die Unter­bringung einer neuen modernen Sammlung des städtischen Museums, für deren Aufbau zwischen 1953 und 1955 zwei Millio­nen Mark eingeplant waren.(17)

Doch nach dem Abriß der Bauakademie 1961 und dem Bau des neuen Außenministeriums waren die städtebaulichen und funktiona­len Parameter auch für das Kronprinzenpalais völlig verändert. Bereits im Wettbewerbsbeitrag Gerhard Kosels für das neue Stadtzentrum von 1959 waren sowohl die Bauakademie als auch das Kronprinzenpalais nicht mehr eingezeichnet. Ihre Stelle nehmen schmale Riegelbauten entlang des Kupfergrabens und Unter den Linden ein.(18) Auch Josef Kaiser plante an der Stelle des Kronprin­zenpalais‘ einen Versammlungs- und Festtrakt des Außenministeri­ums. Demonstrativ wäre damit der Modernitätsanspruch der DDR auch ästhetisch in die unmittelbare Nähe des »Berliner Forums« gerückt.(19)Erst zum Ende der 60er Jahre wurde wieder an die Rea­lisierung des Projektes gedacht, das nun – fast resignativ in der ideologischen Haltung – vor allem als formal-städtebaulicher Eck­stein des »historischen« Zentrums gegenüber dem »modernen« Marx-Engels-Platz mit Staatsrat, Außenministerium und wenig spä­ter dem Palast der Republik begriffen wurde.

Deutlich wird dies vor allem in der Entscheidung, für den Wie­deraufbau nun doch die 1945 zerstörte letzte Fassung zumindest der Fassaden zugrunde zu legen. Am 17. Juli 1967 erhielt Paulick von Paul Verner, dem l. Sekretär der Berliner SED, den Auftrag zum Wiederaufbau des Kronprinzenpalais, die Pläne wurden am 5. August 1967 von der Bezirksleitung nach Rücksprache mit Walter Ulbricht bestätigt. Nunmehr sollte das Gebäude als Kultur- und Gästehaus des Magistrates dienen. An eine museale Nutzung dächte niemand mehr.

Geprägt wurde die städtebauliche Proportion vom Verhältnis zum Außenministerium, wie aus einer Aktennotiz von 1967 deutlich wird; danach entsprach das barocke Palais von Gerlach »mit seinem betont ländlichen Charakter und auch hinsichtlich der Baumasse nicht mehr den heutigen städtebaulichen und funktionalen Anforde­rungen (…).«(20) Deswegen wird der ursprünglich nur zweigeschossi­ge östliche Anbau des Kronprinzenpalais nun um ein Geschoß erhöht, außerdem die Kolonnade weiter um den Gartenhof herum­gezogen. In dem Anbau sind verschiedene kleinere Appartments untergebracht. Die Fassaden zur Straße Unter den Linden orientie­ren sich sonst im wesentlichen mit der Dreigeschossigkeit und hohen Attika, der korinthischen Kolossalordnung und dem reichen Dekor am originalen Kronprinzenpalais. Allerdings werden die 1958 ge­borgenen barocken Baudetails nun nicht wieder eingebaut. Außer­dem wird, um die Geschlossenheit des Baukörpers zu betonen, die korinthische Ordnung um die Ecke zur Oberwallstraße bis zum Übergang zum Prinzessinnenpalais herumgezogen. Im Protokoll heißt es dazu: »Die aufgeführten Veränderungen sind auch nach streng denkmalpflegerischen Gesichtspunkten zu vertreten und tra­gen zu einer Bereinigung und Ergänzung des historischen Bestandes bei.« Wieder geht es also um eine historisch »reine« Form, nur dies­mal nicht um die barocke, sondern nunmehr um die spätklassizisti­sche. Rekonstruiert wurde nicht das Kronprinzenpalais, sondern das Bild von ihm. Ob die plötzliche Wertschätzung des 19. Jahrhunderts über die städtebaulich besser zu verwertende Form Stracks hinaus etwas mit der vergleichsweise frühen Rehabilitierung der Kunst des vergangenen Jahrhunderts in der DDR, etwa durch die Forschun­gen Richard Hamanns und Jost Hernands(21) aber auch des sächsi­chen Denkmalpflegers Heinrich Magirius, zusammenhängt, bliebe zu untersuchen.

»Unabhängig von der denkmalpflegerischen Behandlung der Fas­saden sollen die Innenräume eine festliche Ausgestaltung erhalten, die unserem modernen Zeitgeschmack entspricht«, heißt es weiter.

Tatsächlich wurden der Grundriß und die Gestaltung der Innenräu­me mit allen, oft vorzüglichen Details völlig neu entwickelt. Zwar integrierte Paulick etwa im Foyer den Schadowschen Fries vom Pots­damer Schauspielhaus, und im »Spiegelsaal« sollten Abformungen klassizistischer Reliefs historische Assoziationen erwecken. Doch sonst zeigt sich das Interieur im Repräsentationsgeschmack der spä­ten Ulbricht-Jahre, bis hin zur dunklen Vertäfelung im Konferenzsaal und den jubelnden Arbeitern auf den Keramik-Reliefs im Treppen­haus. Besonders deutlich wird dies in den Details und den Innenräu­men jenes reizenden Pavillons, der über der »Schinkel-Klause« – einer atemberaubend peinlichen Kneipe mit gemalten Dekorationen à la Schinkel – aufragt. In diesem sind weitere Spolien, originale Reliefs und Abformungen von der abgerissenen Bauakademie inte­griert. Vor allem aber ist mit den zwischen barocken und modernen Formen changierenden Geländern, Gittern, den Fensterrahmen und auch den – teilweise noch erhaltenen – Möbeln ein insgesamt zeitgenössisches Interieur geschaffen worden.

Ähnlich ist der Garten eine völlige Neugestaltung. Großzügig mit Terrassen, Pergolen, einer Kastanienallee und Gartenparterres sowie Wasserbecken gestaltet und von hohen Pappeln umstanden, ist er von W Hinkefuß 1969/70 mit Skulpturen von Senta Balda­mus, Gerhard Thieme und Gerhard Lichtenfelds angelegt worden.

Inzwischen gibt es allerdings erste, wenn auch noch reversible Verluste an dem seit 1979 unter Denkmalschutz stehenden Ge­bäude zu bemerken: So sind die mächtigen, durchaus modern im Sinne der 60er Jahre gestalteten Kronleuchter aus tausenden schmaler Glasplatten zugunsten flacher Lichtscheiben abgenommen worden, auch wurden in den Obergeschossen die vertäfelten Wän­de für die jüngste Ausstellung des Deutschen Historischen Museums zugestellt – die Ausstellung zeigte übrigens deutlich, daß das Haus nur mit massiven Umbauten für museale Großveranstaltungen nutzbar ist. Doch die biedermeiernde Gestaltung eines Konferenz­zimmers für ministerielle Nutzungen zeigt nicht nur die Geschmack­losigkeit staatlicher Einrichter, sondern auch, daß bisher kaum ein Bewußtsein für die ästhetischen Qualitäten des modernen Paulick­schen Kronprinzenpalais vorhanden ist.

Nach 1990 gab es kurzzeitig viele Interessenten für das Haus, in dem die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik den Einigungsvertrag unter­zeichneten: Bundeskanzler und Bundespräsident, das DHM und die Staatlichen Museen, aber auch der Senat interessierten sich dafür. In den letzten Jahren ist es ruhiger geworden. Für vier Jahre über­nimmt nun das DHM während seiner Umbauphase die Regie – danach hat es allerdings keine Verwendung für das Gebäude mit seinen vielen kleinen und nur schwer zu Rundgängen zu verbinden­den Räumen. Die Zukunft des »Kronprinzenpalais«, wie das Haus wohl auf ewig heißen wird, obwohl nie ein Kronprinz darin resi­dierte, ist trotz seiner exquisiten Lage und der offensichtlichen Eig­nung vor allem für kleinere Kongresse, Lesungen, Symposien und ähnliche wissenschaftliche und gesellschaftliche Veranstaltungen offen, ebenso die seines Gartens und des Pavillons mit den beiden lichterfüllten Festsälen. Denn die größte Gefahr droht dem Ge­bäude derzeit durch die Mißachtung seiner sozialistischen Nach­kriegsgeschichte und des Kontrastes zwischen dem historisierenden und doch auch historisch manipulierten Äußeren und dem moder­nen Inneren.

Ein Vorbild für die Schloßdebatte ist aber das Kronprinzenpalais nicht; denn während die Hohenzollernresidenz gerade aus Resignation angesichts der angeblichen gestalterischen und konzeptionellen Unzulänglichkeiten „der“ Moderne wiederhergestellt werden soll – in welcher Fassung? Barock, klassizistisch, wilhelminisch? – ist das Kronprinzenpalais eine durchaus selbstbewusste Weiterentwicklung der Moderne im damals zeitgenössischen Gewand.

 

Der Artikel erschien erstmals im Museumsjournal Heft 1/1999. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

Anmerkungen

1 Berlin, Hauptstadt der DDR, Bauten unter Denkmalschutz, Berlin Information 1982, S. 43.

2 In: Verfallen und Vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung. Dokumentation der Tagung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz am 15./16. Mai 1995 in Berlin, Bonn 1995, S. 46.

3 Vgl. Simone Hain, Zweckmäßigkeit, Schönheit und Idee. Zur Schinkelrezeption in der frühen DDR und den Plänen für den Wiederaufbau der Bauakademie, in: Mythos Bauakademie. Die Schinkelsche Bauakademie und ihre Bedeutung für die Mitte Berlins, Hrsg. Frank Augustin, Berlin 1997, S. 178. Dort auch ausführliche Geschichte des Abrisses der Bauakademie.

4 Der Berliner Landeskonservator Jörg Haspel hat als erster eine Nachkriegsge­schichte vorgelegt: Rekonstruktion als städtebauliche Denkmalpflege? Das Kron­prinzenpalais in Berlin, in: Rekonstruktion in der Denkmalpflege. Uberlegungen, Definitionen, Erfahrungsberichte. Hrsg. Deutsches Nationalkomitee für Denkmal­schutz 1998, S. 75-85. Ihm, Christine Wolff, Ingrid Bartmann-Kompa und Frau Otto lm Landesdenkmalamt, den Kollegen des Landesarchivs in der Breiten Straße, J. Fritzinger und M. Bollee sowie dem Hausmeister des Kronprinzenpalais, Herrn Schweißirief, sei für die Recherchehilfe gedankt.

5 Landesdenkmalamt Berlin (LDA) Altakte Kronprinzenpalais – 11.2. O1-108, 10. 11. 67.

6 LDA, Altakte Kronprinzenpalais 2.2.01 – 1108, 2.6.51, Baugeschichte des Kronprin­zenpalais von G. Kapitän, stud. Phil.

7 Landesarchiv Berlin (LÄB), Rep. 110, Nr. 7294.

8 Vgl. hierzu die kritische Biographie Henselmanns von Bruno Flierl, in: Kunst­dokumentation SBZ/ DDR Aufs-stze — Berichte – ivtaterialien, hrsg. von G. Feist, E. Gillen, B. Vierneisel, Berlin 1996, S. 386-412.

9 Es gibt bisher keine Monographie zu Paulicks Werk, ebensowenig zum chinesi­schen Exil deutscher Architekten. Sein Lebenslauf ist skizziert nach: Manfred Müller, Aus dem Leben eines Architekten. Portrait Richard Paulick, Halle/Saale 1975 sowie Lexikon der Kunst, hrsg. Harald Olbrich, München 1996, Bd. 5, S. 479. Dort auch weiterführende Literatur. Der Nachlaß Paulicks befindet sich im wesent­lichen im Architekturmuseum der Technischen Universität München.

10 Simone Hain, op.cit., S. 166.

11 Veröffentlicht bei Simone Hain, op.cit., 5.166-16Z

12 LDA, Altakte Kronprinzenpalais 2.2.01 – 1108, 22.10.59, Protokoll einer Bespre­chung zwischen Hochbauamt Mitte,     Stadtbauleitung Berlin und Denkmalbehörde Mitte.

13 Hierzu und zu ähnlichen Rekonstruktionen vgl. die in Anm. 4 aufgeführte Literatur.

14 Vgl. Regina Müller, Das Berliner Zeughaus. Die Baugeschichte. Hrsg. Deutsches Historisches Museum, Berlin 1994, S. 249-287

15 Abgebildet in: Deutsche Staatsoper Berlin. Zur Wiedereröffnung des Hauses Unter den Linden am 4. September 1955, hrsg. von der Intendanz der Deutschen Staats­oper, Berlin 1955, S. 85.

16 Deutsche Staatsoper Berlin, op. cit. Darin Paulicks Bericht S. 79-92, hier S. 85. Uwe Schwartz fertigt derzeit an der TU Berlin eine Magisterarbeit zu dem Thema an.

17 LDA Altakte Kronprinzenpalais 2.2.01-1108, 16.11.50, außerdem an gleicher Stelle Zeitungsausriß mit der Meldung, eine »Ausstellung moderner Kunstwerke« sei geplant.

18 Abbildung des Planes in: Bruno Flierl, Gebaute DDR. Ober Stadtplaner, Architek­ten und die Macht, Berlin 1998, S. 140.

19 Bruno Flierl, op.cit., S. 149.

20 LDA Altakte Kronprinzenpalais 2.2.01-1108, Protokoll vom 10.11.67, S. 2. Auf diesem Protokoll beruhen auch alle folgenden Feststellungen zur Planung des Wiederaufbaus.

21 Richard Hamann, Jost Hernand, Deutsche Kunst und Kultur von der Gründerzeit bis zum Expressionismus, 5 Bde, Berlin (Ost) 1959-1975.

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