Entwurf Georg Scheel Wetzel/van der Donk (2008)

Der Entwurf ist ein unprämierter Beitrag der zweiten Wettbewerbsphase, wobei die Jury die Verleihung eines Sonderpreises erwogen hatte. Der Entwurf sieht eine weitgehende Trennung von Schlosshülle und Nutzung vor, wobei letztere vor allem in weit ausgebauten Untergeschossen ihren Platz findet.


Grundlage unseres Entwurfs bildet die Erkenntnis, dass die drei Außenfassaden und der Schlüterhof des Berliner Schlosses nicht ohne eine integrale Rekonstruktion seiner Typologie, seiner innenräumlichen Struktur, seiner repräsentativen Treppenhäuser und nicht zuletzt seiner Konstruktion zu denken sind, will man einen historischen und keinen historisierenden Bau erstellen.
Wir schlagen daher vor, die räumliche Struktur des Schlosses in seinen von Schlüter, Eosander und Böhme geprägten Hauptzügen so wiederherzustellen, dass es als Gesamtkomplex wieder erfahrbar wird und kommenden Generationen die Option auf eine weiterführende Rekonstruktion historischer Innenraumfluchten – unter denen sich Meisterwerke der Raumkunst befinden – offen gehalten wird.

Innerhalb dieses konzeptionellen Gerüstes zwingen die bauhistorischen Leerstellen und die veränderte Programmatik zu interpretierenden und zeitgenössischen Interventionen, die wir versuchen so weit wie möglich in den Dienst der Lesbarkeit des historischen Gefüges zu stellen. Aus diesem

Umgang mit der historischen – wenngleich auch nur im Planwerk existierenden – „Substanz“ leiten wir bauliche Muster ab, die sich im Gesamtkomplex ablesbar voneinander unterschieden darstellen sollen. Diese Muster sind ihrerseits historisch, da sie einen in der Geschichte immer wieder praktizierten Katalog architektonischer Interventionsweisen in einen gegebenen Kontext darstellen.
Sie sind:
-rekonstruktiv (originalgetreuer, konstruktionsgerechter Wiederaufbau)
-eliminierend (das ehemals Vorhandene wird verworfen)
-reinterpretativ (Lücken werden im Sinne der historischen Bauweise jedoch zeitgenössisch interpretiert geschlossen)
-antagonistisch (zeitgenössische Bauweise wird dem historischen Bau bewusst gegenübergestellt um die Identität beider zu stärken)
Diese Überlegungen betreffen nicht nur die Morphologie der Räume im Schloss und die Tektonik der Fassaden sondern auch die Lage und die Bedeutung des Schlosses im Stadtraum.
Straßenfluchten und angrenzende Bauwerke zeigen die historischen Bezüge und der selbstverständliche Zusammenhang einer gewachsenen städtebaulichen Struktur wird wieder sinnlich erfahrbar.

Humboldtforum
Das Humboldtforum hat mit seinen Anforderungen eines modernen Museums in vieler Hinsicht keine Affinität zum historischen Schlosskomplex:
Weder sein weitläufiger Flächenbedarf noch die angedachten räumlichen Querbezüge sind befriedigend in den Raumfolgen des Schlosses vorstellbar. Die konservatorischen und technischen Anforderungen an die Räume widersprechen der historischen Raumstruktur.

Unser Entwurf sieht daher vor, die musealen Ausstellungsbereiche mit den zugehörigen Wissensspeichern in einem großflächigen Substruktionsgeschoss auf einer Ebene unter dem historischen Schloss anzusiedeln. Neben einer großen räumlichen Flexibilität bietet die Kompaktheit des Flächenangebotes und die Klimakonstanz im Untergeschoss optimale museale und konservatorische Bedingungen für die spezifischen Ausstellungsformen und ihre Dramaturgie.
Indem die Museen im Untergeschoss die Kontur des Schlosses überschreiten bietet sich zum Lustgarten hin die Möglichkeit, als Flaneur über Atrien einen direkten Einblick in die Ausstellungsflächen zu erhalten. Auf diese Weise können die Museen im öffentlichen Raum eine Präsenz zeigen, die die Barockfassaden des Schlosses nicht zulassen. Der Dialog zwischen zeitgenössischer und historischer Bausubstanz wird somit nicht nur in den Fassaden geführt, sondern wird zur Gegenüberstellung unterschiedlicher Inhalte, von denen der Stadtraum profitiert.

Baustufen
Die Situierung der Museen im Untergeschoss ermöglicht es, zunächst diese nach einer ersten Bauphase in Betrieb zu nehmen und die Rekonstruktion des Schlosses in einem größeren Zeithorizont in weiteren Bauphasen nachfolgen zu lassen. Die Arbeiten an den historischen Konstruktionen könnten während des Bauprozesses einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und würden so selbst Gegenstand der Ausstellung. Damit würde Zeit für die aufwändigen Arbeiten und nicht zuletzt für die Finanzierung des Vorhabens gewonnen werden.

Humboldtforum im Schloss – Agora
Als Abfolge von Räumen – gestuft von Stadträumen zu immer geschlosseneren Innenräumen ganz im Sinne der antiken Agoren – leistet die Agora die Verbindung der scheinbar antagonistischen Strukturen Schloss und Humboldtforum zu einem räumlichen Gesamterlebnis. Dabei bedient sie sich der stadträumlichen und typologischen Eigenheiten des historischen Baus und fügt diese mit zeitgenössischen Maßnahmen zu einer eigenen Raumdramaturgie.

Während der Schlüterhof im Wesentlichen seine Rolle als historischer Platz wahrnimmt und sich als frei begehbarer Mittlerraum zwischen Schlossplatz und Lustgarten anbietet, fällt dem Eosanderhof die Auftaktrolle des Humboldtforums zu.
Über die Portale II, III und IV ist er das Gelenk zwischen Schlossplatz, Schlossfreiheit und Lustgarten.

Die eingestellte U-förmige Wandelhalle bildet einen Eingangshof in der Achse des Triumphbogens von Portal III aus, der eine räumliche Reaktion auf seine historisch etwas ins Leere laufende achsiale Kraftanstrengung erfährt und von den an der Schlossfreiheit haltenden Reisebussen mit den entsprechenden Menschenmengen nun eine seiner Monumentalität gemäße wichtige Eingangs- und Adressfunktion in der Längsachse des Schlosses erhält.
Während die Wandelhalle hier eine Art „cour d’honneur“ formuliert, legt sie sich in Nord-Süd-Richtung als Passage in die historisch bedeutsamere Durchgangsachse zwischen Portal II und IV. Sie ist damit Ankunfts- und Durchgangsort zugleich. Tagsüber öffentlich zugänglich, wird sie dem Flaneur zur gedeckten Verbindung zwischen Lustgarten und Schlossplatz, dem Museumsbesucher Auftakt zum Abstieg in das eigentliche Humboldtforum im Untergeschoss bzw. Verweilort an den verschiedenen musealen Funktionen des Erdgeschosses (Bistro, Shop, Sonderausstellungen etc.)

Von der Wandelhalle aus bietet sich der ehemals unter dem Alabastersaal gelegene historische Durchgang zum Schlüterhof an. Die Wandelhalle ist ebenfalls Ausgangspunkt der Besichtigungsrundgänge des historischen Schlosses. Das Restaurant im Dach ebenso wie die Zentrale Landesbibiliothek und Verwaltung in den Obergeschossen wird von diesem zentralen Ort erreicht. Träger der vertikalen Haupterschließung, die nun in alle Geschosse vermittelt, ist ein neu eingefügter Mitteltrakt anstelle der alten Mittelbauten mit Alabastersaal.

Die eigentliche Agora setzt sich im Untergeschoss mit dem Veranstaltungsbereich und dem Zugang zu den verschiedenen Museen und zum Humboldtsaal fort.
Die Veranstaltungssäle teilen hier – gleich einem städtebaulichen Gefüge – verschiedene Foyerzonen ab, die in einem – auch unabhängig erschließbaren – Foyer mit Gastronomie an der Spree münden.
Den Auftakt zum ethnologischen Museum und zum Museum für asiatische Kunst bildet eine große Querhalle unter der Wandelhalle. Sie wird über zwei im Eosanderhof einschneidende Höfe belichtet.
Zwischen den beiden Höfen, unter dem Zentrum des Eosanderhofes liegt der Humboldtsaal, der ebenfalls für Veranstaltungen herangezogen wird. Um die Höfe herum entwickeln sich die Fachwissenschaftlichen Bibliotheken mit ihren Magazinen und Lesebereichen.
Die zentrale Landesbibliothek wird über die Haupttreppe von der Agora aus im 1. Obergeschoss erschlossen. Über interne Vertikalverbindungen setzt sich die Bibliothek im 2. Obergeschoss fort.

Nutzungen im Schloss – Faktor Zeit
Bei der vorgetragenen Konzeption stellt sich die Frage nach den historischen Innenräumen, die nun vorerst nicht mit einer spezifischen Nutzung belegt sind, während Teile der Obergeschosse bereits affine Nutzungen des Humboldtforums aufnehmen.
Grundsätzlich stellen wir uns die bauhistorisch bedeutsamen Innenräume rekonstruiert vor, wenngleich dieser Ausbauzustand schon allein aus Kostengründen an einem fernen Zeithorizont steht. Möglich scheint uns jedoch, diese Räumlichkeiten bereits früh in einem roh belassenen Vorausbauzustand (unverputzt, Deckenkonstruktion sichtbar) in das Konzept der Selbstausstellung des historischen Phänomens Schloss mit einzubeziehen. Hier sind reine Besichtigungen ebenso wie Zwischennutzungen für Ausstellungen, Seminare aber auch z. B. Festlichkeiten sehr gut denkbar.

Gerade das Prozesshafte, dass einem solchen, in kleinen Schritten – vielleicht über Generationen – vollzogenen Ausbau der historischen Räume innewohnt, ermöglicht es, dem Gebäude selbst und der Geschichte seiner Zerstörung gerecht zu werden und über die Zeit eine neue Form der Identifikation
mit ihm zu erzeugen.

Museen
Die Ausstellungsflächen der Museen sind nach dem Schalenprinzip ringförmig um die Figur des historischen Schlosses entwickelt. Dessen konstruktiver Abdruck bildet die räumliche Richtschnur der Museen: Zwischen Substruktion des Schlosses und dem Kernbereich unter den Höfen, der durch eine raumhaltige Wand umgrenzt ist, bildet sich eine innere Straße, die ringförmig alle Abteilungen der Museen verbindet.
Geführt von der raumhaltigen Wand, einer Leitwand zur „Reise um die Welt“, die verschiedenste mediale Aufbereitungen der die Besucher erwartenden Themen aufnimmt, kann sich der Betrachter auf kurzem Weg einen Gesamteindruck der Vielfalt der Ausstellungen verschaffen. Das gleichberechtigte und thematisch verwobene Nebeneinander der Weltkulturen wird hier besonders deutlich erfahrbar.
Von hier aus vertieft sich der Besucher in den Abteilungen seiner Wahl. Die Rundwege durch die Ausstellungen führen alle wieder auf den zentralen Ring zurück, an dem der Besucher auch die notwendigen Facilities findet und von dem er auch in die Sammlungen der Fachwissenschaftlichen Bibliotheken gelangt.
Das ethnologische Museum, an der Lustgartenseite gelegen, hat vier Atrien, an denen, leicht eingesenkt und vom Lustgarten einsehbar, die Austellungsräume für die großen Exponate liegen. Ein fünfter Hof, im Bereich des ehemaligen Apothekerflügels gelegen, beherbergt auf zwei Geschossen die Restaurierungs- und Hauswerkstätten. Auf dem oberen der zwei Geschosse erfolgt die Anlieferung von der Spreeseite aus.
Die Ausstellungsflächen, die sich jenseits der Schlosskontur befinden, erhalten direktes Tageslicht: Über transluzente Kapillarplatten mit lichtstreuenden Einlagen wird in den betreffenden Ausstellungsbereichen eine gleichmäßige, diffus Licht verteilende Decke gebildet. Im öffentlichen Raum beschreiben die Oberlichter die Museumskontur unter dem Schloss.

Gestalt und Fassaden
Neue Interventionen in die historische Struktur lassen sich in drei Erscheinungsformen unterteilen:

Abdruck der Ausstellungsfläche unter dem Schloss:
Eine Struktur planer transluzenter Flächen im Platzbelag beschreibt die Museumskontur unter dem Schloss. Die Flächen werden im Dämmerlicht zu Leuchtkörpern, die den öffentlichen Raum bespielen. Dieser setzt sich ungebrochen im Material der Trottoirs fort.

Fortsetzung der Schlosskubatur mit zeitgenössischen Fassaden
Neue hochbauliche Kubatur oder Fassaden dienen dazu, historische Fehlstellen auf möglichst zurückhaltende Weise zu schließen und so den Stadtraum zur Wirkung zu bringen.
Die Konstruktion der historischen aufgehenden Wände wird als Ziegelmauerwerk roh belassen. Es wird zum wiederkehrenden Material für die neu interpretierten Eingriffe:
Zur Spree werden die historischen Fensterformate beibehalten und die Gewände zurückhaltend neu formuliert.
Im Schlüterhof wird die Galerie und ihre stockwerksübergreifende Ordnung durch den neuen Erschließungsbau volumetrisch aufgenommen. Zur Wandelhalle setzen ruhige Öffnungsachsen die Fassadenordnung des Eosanderhofes fort und fokussieren auf den mittigen Eingang zur Haupttreppe.

Wandelhalle
Die Wandelhalle ist als Glashalle konzipiert, die dennoch nicht vollständig entmaterialisiert erscheint, sondern klassische Gliederungen (in Sockel, Stütze, Gebälk etc.) interpretiert.

Entwurf: Georg•Scheel•Wetzel Architekten, Berlin / van der Donk Architekten, Wien: Bettina Georg, Tobias Scheel, Simon Wetzel, Alexander van der Donk; Mitarbeit: Martin Lee, Jens Roscher, Anja Siegler, Caroline Sturm, Julian Telger; Beratung Tragwerk: ifb Frohloff, Staffa, Kühl, Ecker, Berlin; Beratung Energiekonzept: Energiehaus, Micheel Wassouf, Barcelona



Eine Antwort zu “Entwurf Georg Scheel Wetzel/van der Donk (2008)”

  1. Angelika Rutzmoser sagt:

    Ich finde es schade, dass diese wunderbare Arbeit keinen Preis bekommen hat. Vielleicht kann man ja noch nachträglich einen Preis vergeben.
    A.Rutzmoser, Architektin

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