Entwurf Henry Ripke u.a. (2008)

Der Entwurf unternimmt eine klare Trennung zwischen neuem Baukörper und rekonstruierter Hülle, ohne das Gebäudevolumen deutlich zu modifizieren. Allerdings überragt der innere Körper die historsichen Fassaden etwas und wird somit ach Außen ablesbar. Der enge Zwischenraum zwischen beidem wird u.a. für die Erschliessung genutzt. Der Entwurf schied mit Abschluss der ersten Wettbewerbsphase aus.

Das Berliner Stadtschloss stellt einen Kristallisationsionspunkt der deutschen Geschichte und das „Herz“ der Stadt Berlin dar. Trotz seines Abrisses ist es immer noch tief im kollektiven Bewusstsein verankert und auch 50 Jahre nach dem Abriss in dem Denken der Menschen präsent. Sein Nachfolgerbau, der Palast der Republik wird zur Zeit gerade abgerissen und ein anderer baulicher Ausdruck deutscher Geschichte verschwindet damit auch.

Mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses ersteht ein Abbild der Geschichte und dieses Ortes als Abbild einer gesellschaftlichen Diskussion über das, was an dieser Stelle angemessen ist.

Das Konzept des Neubaus und seiner Nutzung spiegelt diese Vorstellungen wider und versucht auf die Verwerfungen und Diskontinuitäten eine räumliche Antworten zu finden.

Das Schloss als Wohn- und Regierungssitz der Hohenzollern war immer mit deren politischen Herrschaftsanspruch verbunden und steht so auch für die deutsche Geschichte, wie das Schloss als Gebäude ein Teil der Stadt Berlin darstellt und in seiner Entwicklung eng mit der städtischen Entwicklung Berlins verbunden ist.

Das Stadtschloss bildete nach jahrhundertlangem Wandel zu seiner letztendlich mit dem Schloss verbundenen Gestalt den Auftakt zum Stadtraum „Unter den Linden“. Begonnen hat diese Entwicklung mit Schlossgebäuden, die zur genau entgegen gesetzten Richtung, dem alten Zentrum Berlin/Cölln, orientiert waren. Dieser Wandel ist teilweise noch in dem heutigen Stadtgefüge ablesbar.

Das Konzept für den Wiederaufbau sieht vor, in einer zurückhaltenden Geste im Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Wiedererrichtung der alten Fassade und den geschichtlichen Entwicklungen einer neuen Nutzungsform Raum zu geben.

Mit diesem Nutzungskonzept, das eigene Ideen und Raumvorstellungen beinhaltet, wird der Ort baulich und gestalterisch neu belegt und die Möglichkeit geschaffen, die politische und städtebauliche Geschichte weiter zu schreiben.

Auf dieser Überlegung fußt das räumliche Konzept, das vorsieht, in die alten Fassaden einen eigenständigen Baukörper einzustellen. Er ist durch eine Erschließungsfuge von den Fassaden getrennt und bildet einen klaren rechteckigen Quader mit einem räumlichen Spiel aus offenem und gedecktem Hof.

Der Schlüterhof wird als eingeschnittenes Volumen und der ehemalige Eosanderhof als Atrium integriert.

Über die historischen Fassaden schaut dieser Baukörper so hinaus, das er in der Nahansicht nicht wahrgenommen wird, aber in der Fernwirkung, besonders nachts eine signethafte Neuinterpretation des Stadtschlosses darstellt.

An der Spreeseite tritt dieser Körper aus den historischen Fassade heraus und eröffnet den Bezug zum Marx-Engels-Forum. Die Auskragung der oberen Geschosse schafft einen Abschluss für das Stadtschloss und bezieht mit der Assoziation an Arkaden das Spreeufer ein.

Mit einer leichten Erhöhung im gegenüberliegenden Bereich wird dem transluzentem Körper eine Richtung gegeben und der ehemalige und auch neue Hauptzugang, das Eosanderportal, betont. Auf die Wiedererrichtung einer Kuppel wird bewusst verzichtet. Die historischen Fassaden waren in ihrem Entwurf auf eine horizontale, blockhafte Wirkung des Baukörpers konzipiert, die durch die später hinzugefügte Kuppel gestört wurde. Entscheidender aber ist, dass die neue Nutzung einen derart zentralen, machtpolitisch motivierten räumlichen Ausdruck nicht braucht und eher behindert würde.

Die Südfassade des Schlüterhofes entspricht mit einer gewissen Winkelauslenkung der Lage der Vorderfassade des Palastes der Republik. Diese wird hier in ihrer Gestaltung aufgenommen und reflektiert.

Auf eine originalgetreue Wiederherstellung des Portals IV wird verzichtet, um die Doppelung mit der vorhandenen Rekonstruktion am Staatsratsgebäude zu vermeiden.

Mit der Wiedererrichtung des Stadtschlosses erhält Berlin sein städtebauliches Zentrum wieder. Die noch vorhandenen Bezüge des Stadtgrundrisses ergeben wieder Sinn und neue können sich entwickeln. Die Mitte wird in ihren Gewichtungen wieder austariert. Die Blickbezüge, insbesondere von der Straße „Unter den Linden“ entsteht wieder neu und leitet sie ein.

Eine städtebauliche Besonderheit waren die öffentlichen Durchwegungen der Schlosshöfe, die zu einer intensiven Integration in den umgebenden Stadtraum führte. Diese Wegbeziehungen durch das Schloss sind im neuen Gebäudekonzept ein wichtiger Bestandteil, um eine enge Beziehung des großen Bauvolumens mit der Stadt herzustellen. Alle Portale sind als frei öffentlich zugängliche Eingänge ausgebildet., die zum Schlüterhof ganztägig, die in das Eosanderatrium zu den Öffnungszeiten des Humboldtforums. Sie werden aufgrund ihrer gesamträumlichen und perspektivischen Wirkung für den Durchgang auch mit ihren Innenräumen wiederhergestellt. Diese öffentlichen Durchwegungen bestimmen das Gestaltungskonzept für den Außenraumes um das Humboldtforum, so entsteht auch an dem spreeseitigen Bereich ein attraktive Promenade, die den historisch nicht zugänglichen Teil des Schlosses in den Stadtraum mit einbezieht.

Die Schlossterrassen werden durch eine axial geordnete Gartenanlage mit einer Fontaine erweitert. Ein Baumkarree schafft den Abschluss und ein Pendant zum Berliner Dom.

Das Konzept des „eingestellten“ transluzenten Quaders mit klarer Ablesbarkeit von historischer Fassaden und Neubau schafft ein einfaches und flexibles Raumgefüge, weil es sich von den historischen räumlichen Vorgaben absetzt. Die architektonische Spannung zwischen historischen Fassaden und Neubau wird besonders in der Raumfuge, der Erschließungsfuge, deutlich und für den Nutzer erfahrbar.

Der Nutzer wechselt zwischen Museumsausstellung im Glasquader und der Erschließungsfuge zu den historischen Fassaden, um ein anderes Geschoß zu erreichen. Die gewählten Materialien unterstützen dieses gestalterische Konzept. Zu den historischen Materialien der Fassaden wird der Neubau komplett aus weiß-mattiertem Glas charakterisiert, das auch soweit möglich im gesamten Innenraum eingesetzt wird.

Empfangen wird der Besucher des Humboldtforums im Eosanderatrium, das den zentralen Bereich der Agora bildet, wo sich die Zugänge zu den Museen sowie Informationen, Veranstaltungen, Verkauf, Gastronomie usw. sich befinden. Hier kann der Besucher witterungsgeschützt verweilen, sich verabreden, sich informieren – kurz alle Funktionen die Bestandteil der Idee von einer Agora sind, finden hier einen geeigneten Raum.

Im Eosanderatrium startet der Museumsbesucher seinen Rundgang. Das zentrale Element, die über alle Geschosse durchlaufenden Gläsernen Archive im Querriegel zum Schlüterhof, stimmt ihn zusammen mit den zentral positionierten Sonderexponaten auf die Sammlung ein. Erkerhafte Raumkörper, die aus den einzelnen Geschossen in den freien Raum ragen, zeigen beispielhafte Exponate aus den einzelnen Abteilungen und geben so schon vor dem Besuch der Museumsausstellungen einen Einblick in die Sammlungen und eine Orientierung im Raum. Durch die Auswahl der Exponate lassen sich Querverbindungen zwischen den einzelnen Kulturen herstellen und beispielhaft veranschaulichen.

Die Ausbildung der Erker, die sich teilweise auch über zwei Geschosse erstrecken,  folgen einem spannungsreichem Spiel, das das mächtige historische Volumen des Eosanderhofes in ein neues maßstäbliches Raumvolumen überführt.

Der über die beiden zentralen Treppen beginnende Rundgang durch die einzelnen Abteilungen der Museen wird immer wieder durch die Gläsernen Archive geführt. Nur im 1.OG ersetzt der Konzeptraum der HU diese Situation. Als zentrales räumliches Element kann er hier seine verbindende Wirkung für das Konzept des Humboldtforums ideal entfalten. Der Rundgang endet in dem großen Ausstellungs- und Eventraum im 4. OG mit weitem Ausblick über die Stadt.

Die Treppen der Erschließungsfuge erlauben es dem Besucher immer wieder gewählte oder durch das Ausstellungskonzept geschaffenen Querverbindungen zwischen den einzelnen Kulturgebieten herzustellen. Für die Ausstellungskonzeption bietet dieses dezentrale Erschließungskonzept gute Möglichkeiten Sondergebiete oder Spezialausstellung getrennt vom restlichen Museumsbetrieb zu organisieren.

Weitere Sonderausstellungsflächen befinden sich im Eosanderatrium als Teil der Agora.

Neben dem Eosanderatrium mit angrenzenden Räumen im EG umfasst die Agora den Schlüterhof mit sämtlichen Nutzungen im EG, die mit zur Spree orientierten gastronomischen Angeboten abschließen.

Die Werkstätten des Wissens sind in den oberen Geschossen spreeseitig orientiert. Die LZB wird über das Große Treppenhaus von Schlüter erschlossen und nimmt das 1. und 2. OG ein. Die weiteren Nutzungen der Werkstätten des Wissens befinden sich in den darüber liegenden Geschossen.

Die Kunstkammer wird als konzeptioneller Raum in seiner alten Lage im 2. OG errichtet und als besonderer Teil der Gesamtausstellung inszeniert.

Das Dachgeschoss spielt eine besondere Rolle, es ist auch nachts publikumsoffen und als Stadtterrasse genutzt. Ähnlich wie bei historischen Gebäuden der Umgebung ( Friedrichwerdersche Kirche) bietet sich hier ein einmaliger Ausblick über die Berliner Innenstadt. Nachts wird diese Terrasse durch das hinterleuchtete weiße Glas eindrucksvoll illuminiert.

Entwurfsteam: Henry Ripke Architekten mit S. Wieland-Pocher und Kind-Barkauskas. Mitarbeiter: C. Sommer, M. Heinzel, S. Böhme

 

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