Entwurf Oswalt, Enders, Monfort (2008)

Der Entwurf, der aus städtebaulichen, architektonischen und geschichtspolitischen Gründen eine klare Trennung zwischen Fassadenrekonstruktion und Gebäude vorsieht und den Gebäudekomplex auf ganzer Breite zum Stadtraum öffnet, schied bei der Jurierung der ersten Phase im Juni 2008 aus.


Städtebau
Die Änderungen der umgebenden Stadtstruktur in den letzten 120 Jahren haben den Schlossbaukörper seiner einstigen städtebaulichen Einbindung beraubt. Der Entwurf sieht daher zwei Bauvolumen außerhalb der Schlossfassaden vor, die das Humboldtforum im Stadtraum verankern: Zum einen der Bauteil an der Ostseite, der mit einer Neuinterpretation des vorbarocken Schlossbaukörpers das moderne Ensemble des Marx-Engels-Forums nach dem Abriss des Palast der Republik wieder vervollständigt und zugleich auch dem Lustgarten eine räumliche Fassung gibt. Zum anderen der Solitär an der Südseite des Schlosses, der mit Rückbezug auf den alten Dom die komplexe Situation des Schlossplatzes räumlich neu strukturiert.
Anders als die Kulturbauten der Museumsinsel (etwa Altes Museum mit Loggia und Freitreppe) und der Straße Unter den Linden (etwa Staatsoper mit Foyer) öffnete sich das Schloss nicht zum Straßenraum: Die Fensteröffnungen lagen weit über Augenhöhe der Passanten, die somit an einer geschlossenen Wand vorbei schritten und nur an den jeweiligen Portalen die Innenhöfe betreten konnten, soweit dies erlaubt war. Um bei dem Neubau einer solchen Abschottung und Introversion zu entgehen (wie man sie auch beim historischen Museum im Zeughaus erfahren kann), wird das umgebende Terrain zur Schlossfassade hin drei Meter abgesenkt und mit einem unterhalb des ehemaligen Erdgeschosses liegenden Sockelgeschoss verknüpft, welches sich auf voller Länge dem Straßenraum zuwendet: Das Humboldtforum öffnet sich zum städtischen Raum und belebt diesen.

Rekonstruktion
Der Entwurf verknüpft die Idee der Rekonstruktion mit einer Lesbarkeit der unterschiedlichen historischen Zustände des Ortes. Die städtebauliche Szenerie wird rekonstruiert, doch zugleich wird die Rekonstruktion als solche erfahrbar. Die Fassade wird in ihrer historischen Erscheinung so weit wie möglich ‚originalgetreu‘ rekonstruiert, allerdings aufgeständert und weitesgehend freistehend ohne dahinterliegende Räumlichkeiten. Im Bereich des Portal I (ehemaliger Haupteingang zu Schlüters Zeiten) werden Innenräume rekonstruiert, die einen Querschnitt durch die Baugeschichte des Schlosses geben.
Die klare Trennung zwischen historischer Fassadenrekonstruktion und Programm befreit die Architektur von Zwängen bezüglich Geschosshöhen, Belichtung und Baumassenverteilung und erlaubt, diese gemäß der heutigen Nutzung zu entwickeln. Die rekonstruierte Barockfassade gibt der abgesenkten Plaza eine räumliche Fassung; der Zwischenraum zu den Bauvolumina wird für verschiedene Aktivitäten genutzt wie Freiluftveranstaltungen, Gastronomie, Gärten, Skulpturengarten u.a.
Auf eine Kuppelrekonstruktion wird im vorliegenden Vorentwurf zunächst verzichtet. Die Höhendominante im Stadtraum erfolgt bei dem Vorschlag durch den östlichen, zum Marx-Engels-Forum orientierten Gebäudebereich. Alternativ ist entweder eine werkgetreue Rekonstruktion des Schlüterschen Münzturms an der Nord-West-Ecke des Schlosses angedacht, oder alternativ eine veränderbare pneumatische Konstruktion im Bereich des Portal III (Hauptportal).

Agora
Die Agora befindet sich auf einer gegenüber dem umgebenden Stadtraum leicht abgesenkten Plaza und ist von allen Seiten leicht zugänglich, im Norden und Süden über geneigte Flächen, im Westen über eine treppenartige Terassierung, im Osten über mehrere Zugänge von einer neu geschaffenen Spreepromenade. An der Nordwestecke liegt der U-Bahn-Eingang. Die Agora ist zweigeschossig angelegt, wobei die doppelgeschossigen Veranstaltungs- und Ausstellungsräume ebenso wie die Zirkulations- und Lufträume beide Ebenen miteinander verbinden. Der zentrale Eingangsbereich liegt unterhalb des Schlüterhofes und beherbergt allgemeine Information, Läden, Garderobe usw.. Westlich vom zentralen Eingangsbereich – unter dem Museumsbaukörper – liegen der Veranstaltungsbereich mit benachbarter Gastronomie, die Einrichtungen der Humboldtuniversität sowie der Zugang zu den Museen. Südlich von hier befindet sich innerhalb der Schlossfassaden zudem ein zweiter Schlosshof, der für größere Open-Air-Veranstaltungen genutzt werden kann.
Das Bibliotheksgebäude östlich des Schlüterhofs umfasst auf dem Niveau der Agora zum Lustgarten hin den Sonderausstellungsraum, in seiner Mitte den Zugang zu den Bibliothek, den wissenschaftlich-adminsitrativen Funktionen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) und ein Restaurant. Nach Süden schließt sich hier die zentrale Anlieferung an. Der Schlüterhof kann von Norden und Süden über Treppen direkt betreten werden. Die angrenzenden Programme (Haupteingänge der Museen außereuropäischer Kulturen und des Schlossmuseum, der Landesbibliothek sowie mehrere gastronomische Einrichtungen und der Veranstaltungsbereich) nutzen den Schlüterhof für Außenaktivitäten.

Museen außereuropäischer Sammlungen
Der Museumsbau westlich des Schlüterhofes umfasst in den oberen vier Etagen die ethnologischen Sammlungen, und in den drei mittleren Etagen oberhalb der Agora die Museen asiatischer Kunst. Beide Museumsbereiche sind in der gewünschten Dramaturgie mit einem Rundgang erschlossen, der etagenweise auch mit der vertikalen Haupterschließung des Museums verbunden ist. Die Restaurationswerkstätten sind Teil des Museumsrundgangs und können von den Besuchern eingesehen werden. Die wissenschaftlichen Abteilungen, Fachbibliotheken und die Verwaltung sind im Bibliotheksbau untergebracht, von wo aus entlang der Nordseite des Schlüterhofes (+ 14,5 m) ein direkter interner Zugang zum Museumsbauteil für die Mitarbeiter der SPK vorgesehen ist.

Landesbibliothek
Die in der Ausschreibung vorgesehenen Flächen sind im Bibliotheksbau auf vier Etagen untergebracht, mit zentralem Zugang und „Schaufensteraktivitäten“ auf der Agora. Um die Aufsplitterung der Bestände der Landesbibliothek auf drei Standorte (mit Breite Straße und AGB) zu vermeiden, halten wir ein Erweiterungsvolumen für die Landesbibliothek von 18.000 Quadratmeter vor. Damit könnte der gesamte öffentliche Bereich der Landesbibliothek in das Humboldtforum integriert werden, der Bereich Breite Straße würde für das Magazin und die nichtöffentlichen Funktionen weitergenutzt und mit dem bestehenden Tunnel intern angebunden.

Zusätzliche Programme
Schlossmuseum: Der Entwurf sieht optional vor, mittelfristig die Räume des Südflügels des Schlüterhofes (Portal I) weitestgehend zu rekonstruieren und hier das von der Internationalen Expertenkommission angedachte Schlossmuseum einzurichten. Die Idee hierbei wäre, die gesamte Schlossgeschichte von 1443 bis heute anhand von Relikten (Lapidarium) und Nachbildungen der u.a. von A.Schlüter, K.F.Schinkel und A. Geyer gestaltete Innenräume erfahrbar zu machen. In die Sammlung sind auch Kunst- und Designobjekte aus dem ehemaligen Palast der Republik wie Gläserne Blume, Foyerbar, Mosaiken etc. einzubeziehen. Zudem blickt man von hier auf das nachgebildete Schlossportal 4 im Staatsratsgebäude, die mit dem Neubau rekonstruierte freistehende Barockfassade sowie die Verortung historischer Spurten im Schlüterhof (Verlauf der ehemaligen Stadtmauer, Gemüsegarten von 1945). Mit der Betonung des ehemaligen Haupteingangs macht das Schlossmuseum zudem die veränderte Ausrichtung des Schlossbaukörpers erfahrbar.

Haus der Weltreligionen: Für den Solitär auf der Südseite des Schlossvolumens am ungefähren Standort des ehemaligen Domes wird als Nutzung ein Haus der Weltreligionen vorgeschlagen, das sowohl der Wissensvermittlung wie der konkreten Religionspraxis dienen kann. Mit diesem neu vorgeschlagenen Programm soll der Widerspruch zwischen dem Anspruch an eine globale Kulturverständigung und der christlich Prägung des Berliner Schlosses adressiert werden.

Phasierung
Der Entwurf erlaubt, die vorgesehenen zusätzlichen Programmelemente – Erweiterung Landesbibliothek, Schlossmuseum, Haus der Weltreligionen – erst nach Fertigstellung des Hauptbaukörpers zu realisieren, wenn die hierfür notwendigen Mittel bereit gestellt werden können. Ebenso erlaubt die Freistellung der Barockfassade vom Hauptbaukörper deren Herstellung gemäß Spendenfortschritt und Geschwindigkeit der bildhauerischen Arbeiten.


Postscriptum zur Art der Rekonstruktion (nach Abgabe der Wettbewerbsarbeit)
Da zur Zeit viel zu wenig qualifizierte Steinbildhauer zu Verfügung stehen, um die Fassadenrekonstruktion im gewünschten Zeitraum (geplante Fertigstellung 2015) zu realisieren, schlagen wir eine Form des offshore Outsourcings vor, welches die Idee des Humboldtforums als Ort der Weltkulturen stärkt und architektonisch formuliert: Jede der 95 zu rekonstruierenden Fensterachsen wird in einem anderen der 95 größten Länder der Welt hergestellt (von Afghanistan bis Zimbabwe), während jedes der zu rekonstruierenden 6 Portale auf diese Weise ein anderes der 6 Kontinente repräsentiert. Damit kann nicht nur die gewünschte Bauzeit eingehalten werden. Viel wichtiger: Die Fassade wird somit zu einer weltweiten Kartierung baukünstlerischen Schaffens auf Basis einer möglichst werkgetreuen Rekonstruktion (und damit unumgänglichen Interpretation) des preußischen Barocks seitens der eingeladenen Länder.

Verfasser: Philipp Oswalt, Kilian Enders, Julien Monfort mit Matthäus Wirth, Anne Schmidt, David Vogel; Mitarbeit: Philipp Werner; Statische Beratung: Henning Ecker (ifb Ingenieure, Berlin)

Broschüre Entwurf Oswalt, Enders, Monfort.pdf

2 Antworten zu “Entwurf Oswalt, Enders, Monfort (2008)”

  1. Wilhelm von Boddien sagt:

    Sie bezeichnen Stellas Bezug seines Bauplans auf die Stadt hin als autistisch. Was ist an Ihrem Entwurf anders und damit weniger autistisch?

  2. philipp sagt:

    Danke der Nachfrage. Ich hoffe, es geht aus der Projekterläuterung selber hervor. Zum einen haben wir den Gebäudekomplex auf der ganzen Länge zum umgebenden Stadtraum hin geöffnet, um somit einen Austausch zwischen Gebäude und öffentlichem Außenraum zu ermöglichen. Zum zweiten sind die Baukörper im Osten und im Süden so angelegt, den Komplex mit dem städtebaulichen Kontext zu verknüpfen und den umgebenden Stadtraum zu strukturieren, ähnlich wie es bei dem historischen Schloss der Fall war. Ironischer Weise stelle Stellas Entwurf einen klassisch modernen Städtebau da, in dem er das Schloss zu einem absoluten, freistehenden Solitär macht, dass es historisch gesehen nie war.

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