Schloss-Einblicke

Keine Angst. Wer dachte, die jüngsten Sparbeschlüsse verzögerten oder verhinderten den Schlossbau, kann sich beruhigt zurücklehnen. Der Sparbeschluss erspart dem Bauministerium lediglich das Eingeständnis, dass seine ursprüngliche Zeitplanung nicht zu halten war. Die Vorarbeiten für das Bauvorhaben gehen munter weiter. Was der Stand der Dinge ist, berichten Jürg Jenatsch und Matthias Boldt.

Haben Sie die bald zwanzigjährige Diskussion um die Rekonstruktion der Berliner Schlossfassaden gründlich satt? Ist es Ihnen mittlerweile schon einerlei, ob der Deutsche Bundestag seine Schlosskuppel oder der Bundesverkehrsminister stattdessen ein paar zusätzliche Autobahnkilometer bekommt? Dann sind Sie hier richtig zu einer tour d´horizon durch das Innere des geplanten Gebäudes, das Humboldt-Forum.

Schließlich weckt die wuchtige, zumindest im Rohbau recht unförmig wirkende Humboldt-Box, die kürzlich ihr kaum beachtetes Richtfest feierte, eine gewisse Neugier, die eine unweit im Kronprinzenpalais zu sehende Ausstellung namens „Einblicke“ zu stillen verspricht. Völlig zu Recht scheint der Bauherr anzunehmen, dass in der Öffentlichkeit ein weitergehendes Informationsbedürfnis zu den Inhalten herrscht.

Aber ach, was dort zu sehen ist, ist leider nur wenig informativ. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass über die bekanntlich höchst umstrittene Architektur möglichst nicht informiert werden soll, und über die angeblich schon so weit entwickelte inhaltliche Konzeption nicht berichtet werden kann.

Eine Ausstellung mag man es jedenfalls kaum nennen. Eher ist es ein Showroom, doch selbst als solcher bleibt es hinter dem zurück, was Investoren, die ein paar chice Wohnungen verkaufen wollen, üblicherweise so bieten. Bauherrenstolz sieht anders aus.

Offenkundig ist vielmehr der gewisse Kleinmut einer föderalen, durchbürokratisierten Demokratie, die sich mit den ganz großen Gesten naturgemäß schwer tut. Eventuell könnte man auch den im Juni verkündeten Sparbeschluss der Bundesregierung dafür verantwortlich machen: „Friede den Hütten, Krieg den Schlössern“, so ähnlich riefen die vorsommerlichen Regierungsrevolutionäre aus dem Kanzleramt herüber. Doch der Ruf war noch nicht verhallt, da wurde ihm durch den zuständigen Minister schon widersprochen. Nun soll gar das immer liquide Land Berlin mit seinem Finanzierungsanteil von 32 Mio. Euro den ununterbrochenen Fortgang der Planungen und den Baubeginn 2013 sicherstellen. In Anbetracht des Planungsstandes kann man sich unschwer ausrechnen, dass es früher sowieso nichts geworden wäre. Da also weder wirklich gespart noch verschoben wird, erweist sich der Regierungsbeschluss als doppelte Unwahrheit. In lebenspraktischer Anwendung der im Grunde rätselhaften Regel, dass minus mal minus plus ergibt, resultiert daraus immerhin der erste, halbwegs realistische Zeitplan für das Projekt.

Über das Programm der angeblichen „geistigen Mitte der Nation“ erfährt man bei diesem Auftritt der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum leider nichts Neues: Die Humboldt-Universität präsentiert sich im Foyer des Kronprinzenpalais mit der Wiederverwendung einer  Leuchtwand, die aus einer anderen Ausstellung stammt. Dass öffentliche Bibliotheken heutzutage über Sonic Chairs verfügen, ahnten wir schon. Einen solchen hat nun die Zentral- und Landesbibliothek extra für die „Ausstellung“ angeschafft, wo er nun recht autistisch in der Ecke steht. Ob die Nationalhymnen, die dort für allzu viele Länder als einziges Musikbeispiel angeboten werden, der angemessene Zugang zum Dialog mit den außereuropäischen Kulturen sind, soll hier nicht diskutiert werden. Die Frage nach dem immer wieder, so auch hier in dieser „Ausstellung“, mit großen Worten beschworenen, neuartigen Zusammenspiel von Universität, Bibliothek und Museen vermögen allerdings auch ein paar exemplarische Exponate aus den Dahlemer Sammlungen nicht zu beantworten.

Die Gebäudeplanungen werden v.a. durch das 2008 im Wettbewerb erfolgreiche Modell von Franco Stella repräsentiert, das nicht mehr dem aktuellen Planungsstand entspricht, wie der Blick auf die Isometrien zeigt. Diese wirken zunächst recht anschaulich, verbergen aber auch viel und sind gänzlich unbeschriftet. Nur mit Hilfe des in der Ausstellung ausliegenden Faltblatts lassen sich wenigstens einige Funktionen zuordnen.

So liegen etwa die Sonderausstellungsräume am großen Veranstaltungsraum der Agora – man könnte es auch schnöde als Foyer bezeichnen – zumindest gut zugänglich. Dieses Foyer, laut Text der Schlossstiftung „eine innovative, spektakuläre, multimediale und in dieser Verbindung vollkommen neue (…) Veranstaltungszone“, ist architektonisch einfallsloser kaum vorstellbar. Anders als die barocken Außenfassaden weiß  Stellas System von Stützpfeilern und Balken überdies mit den wechselnden Geschosshöhen nicht umzugehen. Die Proportionen wirken zufällig, teilweise verunglückt. Von selbst wäre man in seiner eigenen Phantasielosigkeit kaum darauf gekommen, diesen Raum als innovativ und  spektakulär zu bezeichnen – Respekt den Werbetextern!

Da auch die sonstigen publikumswirksamen Hauptattraktionen wie Gastronomie, Shop und Veranstaltungssäle im Erdgeschoss versammelt sind und darüber im 1. Obergeschoss hauptsächlich Bibliothek und Verwaltung liegen, dürfte jedenfalls sichergestellt sein, dass die Mehrzahl der Besucher die Exponate aus ihrer von Dahlem her gewohnten Ruhe im 2. und 3. Obergeschoss nicht aufschrecken wird. Zumal in keiner Weise erkennbar ist, dass die Besucher durch spannungsvolle Raumsituationen zum Aufstieg in die oberen, den Museen vorbehaltenen Geschosse animiert werden. Nirgends ist eine „Schlosstreppe“ erkennbar, eine grandiose Rampe wie im neuen Akropolis-Museum in Athen, oder etwas den berühmten Plexiglasröhren des Centre Pompidou in Paris Vergleichbares. Der Entwurf lebt wie schon im Architektenwettbewerb noch immer hauptsächlich von der städtebaulichen Idee des Schlossforums. Nur im städtebaulichen Lageplan scheint er ganz bei sich zu sein, der Schnitt und alles Dreidimensionale sind ihm fremd.

Angesichts der nach oben sichtlich abnehmenden Geschosshöhen, die sich aus den Zwängen der Fassadenrekonstruktion ergeben, stellt sich die ganz grundsätzliche Frage nach der richtigen Zuordnung der Funktionen. Wäre die Unterbringung der Museen im 1. Obergeschoss, dem traditionellen „piano nobile“ , mit seiner größeren Raumhöhe, der Nähe zu den Sonderausstellungsräumen und dem vermutlich betriebsamen Erdgeschoss, nicht sinnvoller? Und wäre im Tausch dafür die Bibliothek im 3. Obergeschoss mit weitem Ausblick über Lustgarten, Spree und Schlossplatz nicht viel attraktiver?  Oder würde nicht gar eine mehrgeschossige Unterbringung der Bibliothek den so eifrig behaupteten, aber kaum erkennbaren Synergien mit den Museen einen geeigneteren räumlichen Rahmen verschaffen, und zugleich eine kompaktere Bibliothek mit möglicherweise geschossübergreifenden, räumlichen Bezügen erlauben? Werden die Museen mit ihren lichtempfindlichen Exponaten diesen Ausblick überhaupt nutzen, zumindest aber zulassen können?

Attraktive Raumsituationen sucht man im gesamten, sorgsam geschichteten Gebäude weitgehend vergebens. Kaum ein mehrgeschossiger Raum verspricht überraschende Bezüge, die kleinteilige Raumgliederung lässt großzügige Blickachsen vermissen. Allein der Kuppelraum birgt ein allerdings noch gänzlich unausgeschöpftes Potential. Ansonsten: Überall Trennwände, Treppenhäuser, Nebenräume und Stützenreihen.

Ach ja, die Stützen. Ob die Ausstellungsmacher dereinst über die recht ungewöhnliche Reihe von Mittelpfeilern im Sonderausstellungsraum und vielen weiteren Ausstellungsräumen glücklich sein werden, wird sich gegebenenfalls noch erweisen.

Mittelstützen scheinen allerdings Franco Stellas vorherrschendes architektonisches Mittel zur  Innenraumgestaltung zu sein. Sie tauchen an zahlreichen Stellen in verschiedensten Räumen auf und tragen maßgeblich dazu bei, der dreidimensionalen Darstellung im Faltblatt die Anmutung einer römisch-antiken Ruine zu verleihen.

Dieses Faltblatt lohnt eine nähere Betrachtung: Auch hier wiederholt sich die bloße Addition der beteiligten Institutionen, die mit jeweils eigenem Logo antreten und Fragen nach Synergien oder Kooperationen bestenfalls unbeantwortet lassen. Vor allem aber lässt die ungelenke und kleinteilige, nein, man muss es feststellen: überaus kleinliche Grafik den großen Atem, der ein solches Projekt unbedingt tragen müsste, ebenso vermissen wie der Showroom im Kronprinzenpalais. Das ist eher ein asthmatisches Röcheln, ein (Preußisch-) Blauhusten. Die von der FAZ anlässlich des Sparbeschlusses der Regierung postulierte „Denkpause für das Humboldt-Forum“ tut offenbar dringend not. Aber vielleicht hilft ja auch der für die Lange Nacht der Museen angekündigte, aus Dahlem übertragene Voodoo-Zauber aus Haiti weiter.

Der Texte erschien zuerst in gekürzter Fassung in der Zeitschrift Bauwelt, Heft 32-2010 (20. August)

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