Ein Museum, das zum Erschrecken anhält

Am 25. Mai stellte Franco Stella und die Stiftung „Stiftung Berliner Schloss – Humboldt-Forum“ im Audimax der Humboltduniversität Berlin die überarbeiteten Pläne für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses vor. Plattformnachwuchsarchitekten berichten im Folgenden von dem Abend.

Manfred Rettig, für zunächst 5 Jahre bestellter Geschäftsführer der „Stiftung Berliner Schloss – Humboldt-Forum“, kam ganz in Schwarz. Er begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste im Audimax der Humboldt-Universität zur 4. Forumsveranstaltung mit dem Titel: „Stand der Bauplanung für das Berliner Schloss – Humboldtforum: Werkstattgespräch“ und gab sogleich dem italienischen Architekten Prof. Franco Stella das Wort. Dessen Vortrag begann mit einem Zitat des Publizisten Wolf Jobst Siedler: „Das Schloss lag nicht in Berlin – Berlin war das Schloss!“ und endete in radebrechendem Deutsch, das weitestgehend unverständlich blieb.

Einzelne Gedankenfetzen traten aber dann doch dank der anschaulichen Bebilderung zutage: Die klaustrophobisch anmutende neue Schlauchstraße durch das Schloss heißt jetzt „Schlossforum“ und soll uns an die Piazzale degli Uffizi a Firenze erinnern. Die von Manfred Rettig nüchtern genannte Verteiler-Halle heißt „Agora“ und soll uns das Teatro Olimpico a Venezia vor Augen führen. Die von Franco Stella entworfenen Loggien an der neuen Ostfassade heißen jetzt „Loggienmauerwand“ und sind einer banalen Lochfensterfassade gewichen. Ein Zuhörer drückte die Sorge Vieler im Saal aus, das Ganze könnte zur „Mogelpackung“ verkommen. Der originale Eosanderhof, gezeigt in einer handgemalten Veduta, gab jedenfalls Einblick, wie ausgewogene Proportionen vor ca. 300 Jahren ausgesehen haben könnten.

Franco Stella sprach von einer „gleichen Grammatik“ zwischen den italienischen Vorbildern und seiner heutigen Architektursprache, die jedoch weder in seinem Deutsch noch in seiner Architektur zu entdecken war. Einzigen Lichtblick bot die hell anmutende Perspektive der Treppenhalle, die von ihm vertikal und vollkommen neu in den Schlosskoloss hinein geschoben und mit Rolltreppen versehen werden soll; „im Kaufhausprinzip immer in eine Richtung“, wie Manfred Rettig zutreffend bemerkte. 3 Millionen geplante Besucher im Jahr müssen eben logistisch angepackt werden, weshalb der historische Schlüterhof auch für „open-air“ Großveranstaltungen herhalten muss. Manfred Rettig spricht freimütig von einem aufwendigen Neubau, mit Kulturangebot für Billigfliegertouristen aus aller Welt.

Symptomatisch für das vom Bundestag im Jahr 2007 mit 552 Mio. € gedeckelte Mega- Bauvorhaben waren die Worthülsen und romantischen Bilder, die fast zeitgleich in dieser Veranstaltung enttarnt wurden. Als einige Mitglieder des von Boddien’schen Schlossvereins nach Rekonstruktionsdetails fragten, wurden diese meist von Manfred Rettig auf die „Nice to have“-Liste vertröstet und der zornige Ausruf eines jungen Studenten, was denn dieser „feudale Scheiß“ solle, übertönte in seiner Vehemenz jeden eloquenten Schöngeist.

Einer der zukünftigen Nutzer des Berliner Schlossnachbaus, Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, äußerte kürzlich leise Bedenken, ob „Großprojekte dieser Art die geeignete Form für den kulturellen Austausch“ seien. Gemeint hatte er zwar die Großschau „Kunst der Aufklärung“ im Nationalmuseum in Peking, angebracht wäre dieser berechtigte Zweifel jedoch auch beim Humboldtforum, dem geplanten „Treffpunkt der Kulturen“ auf der Museumsinsel.

„Es ist ein Museum, das eher zum Erschrecken anhält als zum Genießen“. Dies sagte der Sinologe Tilman Spengler, der als China-Kenner nicht zur Eröffnungsfeier des Nationalmuseums in Peking einreisen durfte. Den Umbau dieses Museums haben die deutschen Architekten von Gerkan Marg und Partner zu verantworten, die jetzt auch Franco Stella – dem 1-Mann-Büro aus Venetien – mit der Ausführungsplanung zur Hand gehen.

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