Die Welt neu denken

Der dieses Jahr berufenen Gründungsintendant des Humboldtforum, Neil Mac Gregor, gab dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel für seine Weihnachtsausgabe (Nr. 52/ 18.12.2015) ein Interview. In diesem sprach er dem Vorhaben die Chance zu, „die ganze Welt neu zu denken“, ein Zitat, welches über eine Kurzmeldung der Nachrichtenagentur dpa  in der ganzen deutschen Medienlandschaft schnell die Runde machte. Offenbar spricht dieses Zitat den Zeitgeist an, und MacGregor war keineswegs der Erste, der diese Formulierung nutzte.

Bereits vor drei Jahren initiierte die Tageszeitung Die Welt des Springer-Medienkonzerns eine Werbkampagne mit dem Slogan „Die Welt gehört denen, die neu denken“. Und auch die Aktivitäten für das 100-jährige Bauhausjubiläum tragen den Titel „Die Welt neu denken“, ebenso wie ein Managemenratgeber, der diesen Herbst im Campus-Verlag erschienen ist. Was aber macht diese Formulierung so attraktiv? Sie erweckt den Eindruck von Kreativität und radikaler Erneuerung, und bleibt dabei absolut unspezifisch und unverbindlich. Zwar schwingt in ihr etwas anmaßendes, beinahe größenwahnsinniges mit, aber sie hinterlässt keinen wirklichen unagenehmen Eindruck, weil völlig unklar ist, ob mit dem „neu denken“ nur ein neuer kontempletativer Blick gemeint ist, oder ob es quasi der Aufruf zu einer Revolution sein soll. Ein Gestus des Utopischen wird eingefangen, der aber in einer eher unterhaltsamen Schwebe bleibt. Nichts Konkretes wird angesprochen, niemanden auf die Füße getreten. Jeder kann nahezu alles in den Begriff hineinprojezieren, der bei aller Unverbindlichkeit eine Aura der Frische und auch des Wesentlichen-Substantiellen verbreitet.

Im Jahr 2019 wird sowohl das Humboldtforum eröffnet wie auch das 100-jährige Jubiläum des Bauhauses gefeiert. Es wird nicht das Jahr einer Revolution sein. Aber die Aura kulturellen Erbes wird zelebriert, ob hinter barocken Schlossfassaden oder modernistischen Glaskuben.

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