Jetzt noch neuer denken

Johannes Itten, Haus des weissen Mannes, 1922

Neil MacGregor, der Gründungsintendant des Humboldt-Forums, gilt als „Museums-Messias“ und Experte für deutsche Geschichte. Man darf nur nicht zu genau hinsehen.

Von Philipp Oswalt

Als Freund des Bauhaus kann man froh sein, dass das Humboldt-Forum mit dem Bauhaus Nichts zu tun hat. Dabei hat die Gefahr durchaus bestanden: Mit der Verlegung der ethnologischen Sammlung aus Dahlem ins Schloss sollten eigentlich auch Alltagsgegenstände der europäischen Moderne hier ihren Ort finden. Doch der Platz reichte nicht und so verbleibt der europäische Teil der Sammlung in Dahlem. Der Dialog der Kulturen im Humboldtforum findet erst mal ohne Europa statt.

Der allseits gefeierte Gründungsintendant Neil MacGregor, der dieser Tage seine Arbeit aufnahm, mag dies bedauern. Denn wie seinem kürzlich erschienen Buch „Deutschland: Erinnerung einer Nation“[1] zu entnehmen ist, ist er ein großer Freund des Bauhauses. An sich böte sich im Jahr 2019, wenn das Humboldtforum eröffnet und zugleich das Hundertjährige Jubiläum des Bauhauses gefeiert wird, eine wunderbare Möglichkeit, die von ihm geliebten verblüffenden Bögen durch die deutsche Kulturgeschichte zu schlagen, etwa vom Preußentum zur klassischen Moderne. Auch das  Reformationsjubiläum von 2017 ließe sich mit Leichtigkeit noch einbinden. Stichworte wie Gradlinigkeit, Purismus, Ordnung und Nüchternheit könnten Baustein eines solchen nationalen Narrativs sein.

Solche erfrischende Wege des Erzählens und Vermittelns müsste man aber vor der typisch „deutschen Bedenkenträgerei“ (FAZ[2]) schützen. Denn wer nicht die notwendige Unbekümmertheit aufbringt und sich gar kleinkrämerisch an manchem Detail verbeißt, wird die allgemeine Euphorie über die Berufung des ohne jede Ironie als „Museums-Messias“ titulierten (Süddeutsche, Deutschlandradio, Morgenpost[3]) nicht recht teilen können.

Die Lektüre seines Deutschland-Buches birgt manche Stolperfalle. Weimar ist ein dankbares Beispiel für MacGregors Erzählkunst, lassen sich doch hier Erzählstränge von Goethe über das Bauhaus bis zum Nationalsozialismus flechten. In der Suche nach Pointen und eingängigen Stories werden die historischen Realitäten nach Bedarf zurecht gebogen und manches Detail auch frei erfunden. Wenn es etwas heißt, dass Weimar 1919 als Ort der verfassungsgebenden Nationalversammlung gewählt wurde[4], damit der kosmopolitische Humanismus der Weimarer Klassik die neue Republik formen solle, dann hört sich das zwar gut an, hat aber wenig mit dem damaligen Geschehen zu tun[5]. Und wenn MacGregor schreibt, das Bauhaus sei inspirierte durch „historische deutsche Werte“ und „tief verankert in der Tradition“[6], dann wird hier etwas zusammengeschrieben, was nicht zusammengehört. Kein Wort über die prägenden Einflüsse der europäischen Avantgardebewegung auf das Bauhaus, ob Arts and Crafts, Dadaismus oder De Stijl, ob russischen Konstruktivismus oder auch Arbeitsrats für Kunst der Novemberrevolution. Nein, bei Mac Gregor ist Bauhaus gleich gotische Bauhütte plus Goethes Farbenlehre und damit Arbeit am Nationalmythos Weimar.

Die Designideale des Bauhauses verkörpert laut MacGregor nichts besser als die Lithografie „Haus des Weißen Mannes“ von Johannes Itten[7]. Das Bild ist eine originelle Wahl, da dem breiteren Publikum kaum bekannt, und zugleich bestätigt es mit seiner Architektur aus weißen Kuben das Klischee vom Bauhaus. Doch was hatte Itten mit dem Blatt wirklich im Sinne, als er es als seinen Beitrag für die erste Grafikmappe des Bauhauses  von 1921 produzierte? Mit dem Titel legt Itten ein Bekenntnis zur Mazdaznan-Bewegung und ihrer Rassentheorie ab, denn er ist ein Zitat von Otto Hanisch, dem Begründers der Mazdaznan-Bewegung. Hanisch propagiert Mazdazdan als „Universalreligion der Weißen Rasse“ und fordert mit seiner Rassenlehre, die Itten für grundlegend für das Verständnis der menschlichen Entwicklung hielt, Rassenzucht statt Rassenmischung[8]. Für Hanisch und Itten steht der Arier als weißer Mann an der Spitze der Entwicklungspyramide, denn – so Itten in einem Aufsatz von 1923 – „erst der weißen Rasse ist die Möglichkeit geboten, vollendete, d.h. harmonische Kunstwerke zu schaffen als Symbole und Vorbilder des Fortschritts zur menschlichen Vollkommenheit, zur Heiligkeit.“[9]

Auch wenn das frühe Bauhaus Itten viel verdankt und er selber später unter den Nationalsozialisten als entarteter Künstler galt, so ist MacGregors Darstellung von Itten als der Essenz des Bauhauses falsch. Erst durch das Zurückdrängen der Esoterik am frühen Bauhaus und der Hinwendung zu Industrieproduktion unter dem Slogan der neuen Einheit von Kunst und Technik von 1923 wurde das Bauhaus zu dem, wofür es später bekannt wurde.

Aber da sich MacGregor nicht mit diesen Konflikten am Bauhaus befassen will, sondern lieber vermeintliche Kontinuitäten zwischen deutschem Erbe und Bauhausmoderne aufzeigen will, ist ein etwas kreativer Umgang mit manchen Fakten erforderlich. So wird das berühmte Foto von den Bauhausmeistern auf dem Dach des Bauhausgebäudes von Dessau nach Weimar verlegt[10]. Und so behauptet MacGregor, dass sein zweites Schlüsselobjekt – die Bauhauswiege von 1922 –  für die Industrieproduktion entworfen worden sei, obwohl zu dieser Zeit dies in einem noch ganz dem Handwerk verpflichtetem Denken am Bauhaus noch gar kein Thema war. Der Gestalter der Bauhauswiege, Peter Keler, sei mit Hilfe des zweiten Bauhausdirektors Hannes Meyer nach 1945 an die Weimarer Hochschule berufen worden. Doch die beiden kannten sich gar nicht[11] und Hannes Meyer hätte ihm auch wenig helfen können, da er in der frühen DDR als persona non grata galt. MacGregors argumentativer Kurschluss Meyer = Kommunismus = DDR ist ebenso naheliegend wie unzutreffend.

Auch die Geschichte, mit der MacGregor das Bauhaus mit dem KZ Buchenwald in Verbindung bringt, kann nicht überzeugen. Er deutet die moderne Gestaltung des Schriftzug „Jedem das Seine“ am Lagertor, welche der kommunistische Bauhausschüler Franz Ehrlich als Häftling entworfen hatte, als subtilen Protest, als Akt des Widerstands. Er erwähnt nicht, dass der SS die Gestaltung des Schriftzugs so gut gefallen hat, dass sie Ehrlich auch mit der Gestaltung des Lagertors des KZ-Sachsenhausens beauftragten, wie dieser später selbst erzählte[12].

Ein Foto von Hitler in einem Stahlrohsessel, aufgenommen in dem angemieteten Feriendomizil Haus Wachenfeld 1928, soll schließlich als Beleg dienen, dass die Nationalsozialsten modernes Design benötigten, um ihre Macht zu erhalten. Doch sagt das Bild wirklich etwas relevantes über das Verhältnis der Nationalsozialisten zum Bauhaus aus, oder ist es nicht eher ein weiteres Beispiel ist für die forcierte Suche des Autors nach originellen Objekten und Pointen?

Für seine steilen Thesen verweist MacGregor auf die Aussagen von Experten, die immer wieder in längeren Zitaten zu Wort kommen. Will man die argumentative Begründungen für die verblüffenden Behauptungen nachvollziehen, finden sich im Buch aber erst mal keine Information über die Herkunft der Zitate. Sie fehlen in der aufgeführten Literatur. Die Nachfrage bei einem Experten klärt das Rätsel auf[13]. Er wurden von MacGregor und einem Reporter der BBC interviewt und die  gesprochenen Takes für das Buch verschriftlicht, weshalb es auch nirgendwo weiteres hierzu zu finden ist. Wie er etwas bedauernd einräumt, kommt durch diese Arbeitsweise alles sehr verkürzt und verschärft herüber.

Über dieses Verfahren klärt der „exzellente Historiker“ (Berliner Zeitung[14]) seine Leser nicht auf. Letztendlich ist das Buch eine Sequenz von verschriftlichten Radiofeatures, wie man aus dem Kleingedruckten am Buchende schlussfolgern kann. Nur dort sind auch seine Co-Autoren der BBC verklausuliert genannt[15]. Das Buch ist Teil eines ausgesprochenen erfolgreichen Edutainments, welches die Medien Ausstellung, Radio und Buch kreativ miteinander verknüpft. Aber der Medientransfer hinterlässt seine Spuren. Ungenauigkeiten und Fehler, die sich – wie es unter Journalisten heißt – im Radio „versenden“, werden im Buch manifestiert. Anstelle des Erkenntnisgewinns tritt der Erzählwert, der es mit den Fakten nicht zu genau nimmt, eine gehobene Form der Unterhaltung. Diese Mischung aus kuriosen Objekten, Radiotalks und erzählfreudigem Halbwissen trifft aber durchaus einen kulturpolitischen Bedarf, der in den Feuilletons der großen Zeitungen aufgenommen wird.

Genauso wie die Leerformel, die Humboldtforum und Bauhausjubiläum doch noch zusammenbringt. Anfang letzten Jahres verkündeten Bundestag und Bauhausverbund den Slogan „Die Welt neu denken“ als Leitmotiv für das Bauhausjubiläum. Ende des Jahres sprach MacGregor davon, dass Humboldtforums biete die Chance, “die ganze Welt neu zu denken”[16]. Aber was ist damit gemeint? Die Formulierung erweckt den Eindruck von Kreativität und radikaler Erneuerung, und bleibt dabei unspezifisch und unverbindlich. Ein Gestus des Utopischen wird eingefangen, der aber in einer unterhaltsamen Schwebe bleibt. Jeder kann nahezu alles in den Slogan hineinprojizieren, der bei aller Unverbindlichkeit eine Aura der Frische und auch des Wesentlichen-Substantiellen verbreitet.

Durch das Feuilleton ermuntert, hat die Politik den Weg frei geräumt, dass MacGregor durchgreifen und das Humboldtforum noch einmal grundlegend umgestalten kann. Die Hoffnung ist, dass der „Ausstellungs-Messias“ das Projekt von seinen konzeptuellen Malaisen kuriert.  Leicht kann man sich vorstellen, wie MacGregor mit dem reichen Fundus der Berliner Sammlungen eine große Weltgeschichte erzählt, von Liebe und Tod, von Göttern und Kriegen, von Ausbeutung und Emanzipation. Doch wird eine solche Neuerfindung wirklich ein Gewinn? Werden diese Geschichten zum Erkennen der Welt beitragen oder das Publikum mit Kuriositäten, Halbwahrheiten und manch gefälligem Klischee unterhalten? Es würde der Sache gut tun, wenn sich die Projektbetreiber nicht nur mit Lippenbekenntnisse zu seinen Namensgeber Alexander und Wilhelm von Humboldt bekennen würden, sondern ihrem Forschergeist verpflichtet wären, ihrem Erkenntnisinteresse und Aufklärungsdrang. Vor dem Hintergrund der problematischen Provenienz wichtiger Teile der Sammlung und der nationale Symbolhaftigkeit des Projektes tut weniger effekthascherisches Storytelling als kritisches Reflektionsvermögen not. Dieses muss den Status quo in Frage stellen und auch die Freiheit haben, das Humboldtforum neu zu denken.

Leicht gekürzt erschienen in Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, 28.2.2016, S. 46


[1] Verlag C.H. Beck, München 2015

[2] Regina Mönch, 8.04.2015

[3] Artikel und Beiträge vom 8.4.2015

[4] MacGregor 2015, S. 397

[5] Siehe zum aktuelle Forschungsstand: Heiko Holste: Weichenstellung Weimar – Der Tagungsort der Nationalversammlung als Vorentscheidung über Föderalismus

oder Zentralismus. In: Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Thüringen (Hrg.): Die Weimarer Verfassung. Wert und Wirkung für die Demokratie, Erfurt 2009, S 107 – 118

[6] MacGregor 2015, S. 397f.

[7] MacGregor 2015, S. 413

[8] Zitiert nach Torsten Blume: Mazdazdan and Racial Theory, in: Regian Bittner und Kathrin Rhomberg: The Bauhaus in Calcutta: An Encounter of Cosmopolitan Avant-Gardes, Hatje Cantz Vlerag Ostfilern 2013, S. 135, siehe auch: Bernd Wedemeyer-Kolwe: Der neue Mensch: Körperkult im Kaiserreich und der Weimarer Republik, Würzburg 2004

[9] Johannes Itten: Rassenlehre und Kunstentwicklung, Zeitschrift Masdasnan Jg.16, Leipzig 1923, H.5, S. 92

[10] Bildunterschrift in MacGregor 2015, S. 402

[11] Hierzu u.a. Brief des Sohnes Jan Keler an den Autor vom 11.1.2016, Email von Jan Keler an Michael Siebenbrodt vom 7.1.2016 und Email von Michael Siebenbrodt an den Autor vom 11.1.2016.

[12] Siehe hierzu Gerd Fleischmann: „JEDEM DAS SEINE“. Eine Spur von Bauhaus in Buchenwald, in: Volkhard Knigge und Harry Stein (Hg): Franz Ehrlich. Ein Bauhäusler in Widerstand und Konzentrationslager. Weimar 2009, S. 113

[13] Email der Person an den Autor vom  13.1.2016

[14] Berliner Zeitung vom  3.1.2016: Die Hindernisse für Neil MacGregor sind gewaltig

[15] MacGregor 2015, S. 629. Dort heißt es: „Max Easterman und Chrsitopher Bond gaben dem Radioskript mit ihrem schriftstellerischen Talent und Können die nötige Form“. Der Text des Buches ist allerdings sehr nahe an dem Wortlaut des Radiofeatures, das als Audiodateien abrufbar ist unter: http://www.bbc.co.uk/programmes/b04dwbwz/episodes/player (abgerufen am 8.1.2016)

[16] in: Der Spiegel 52/2015 vom 19.12.2015: Wir Briten flüchten in den Humor. Neil MacGregor im Gespräch mit Thomas Hüetlin, S. 129

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