Flucht vor uns selbst

Zum Streit um das Kuppelkreuz des Berliner Schlosses

Ob nun die Hülle des Berliner Schloss mit dem Kuppelkreuz rekonstruiert wird oder ohne, macht keinen wirklichen Unterschied. Weder wäre es dort ein Fremdköper noch müsste man es sonderlich vermissen, stand dass Schloss deutlich länger ohne dieses Kreuz als mit ihm. Weder steht noch fällt mit ihm das christliche Abendland noch die (vermeintliche) weltanschauliche Neutralität des Humboldtforums. Umso verblüffender ist, welch intensive Debatte diese eigentlich eher marginale Frage aufwerfen konnte, mehr als jegliche Diskussion über die Inhalte des Humboldtforums. Eins wird damit deutlich: Dieser Bau ist zuerst ein gesellschaftliches Symbol, seine Gebrauchsfunktion ist sekundär.

von Philipp OswaltEr war von Anfang an eine identitäts- und geschichtspolitisches Projekt für das wiedervereinte Deutschland. In den späten 1990er Jahren kristallisierte sich bei den politischen Entscheidungsträgern der Wunsch heraus, das äußere Abbild des Herrscherhauses der Hohenzollern baukünstlerisch wiederherzustellen, um mit einem unübersehbaren architektonischen Zeichen im Herzen der Hauptstadt der wiedervereinten Nation einen Bezug zum preußischen Erbe herzustellen. Bemerkenswert hieran ist vor allem, dass dies in einer idealisierten, quasi überzeitlichen Form passieren soll, die alle geschichtlichen Verwerfungen verschweigt. Mit einer radikalen Orthodoxie wurde jede Form einer äußerlich sichtbaren Brechung vehement zurückgewiesen, alle Widersprüchlichkeiten der Historie negiert. So verhinderte man die von der damaligen Expertenkommission empfohlene mögliche Einbeziehung von Teilen des ehemaligen Palastes der Republik durch einen Abriss vor dem Architektenwettbewerb und nahm dafür Mehrkosten in Kauf. Und so verhinderte man mittels einer fragwürdigen Auslegung der Wettbewerbsregularien, dass die von der Wettbewerbsjury favorisierte kritische Rekonstruktion von Kuehn-Malvezzi Preisträger werden konnte, welche eine intelligente Alternative zu dem in den letzten Jahrzehnten so in Mode gekommenen Fotorealismus bot.

Die Kompromisslosigkeit in der Form wurde durchgesetzt mit Hilfe eines Tributs an die „political Correctness“ im Inhalt: um die für das Großprojekt erforderliche gesellschaftliche Unterstützung zu gewinnen, wurde die preußische Schlossfassade mit dem Multi-Kulti-Konzept der außereuropäischen Sammlungen kombiniert. Hier hatte die Politik einen klaren Instinkt: Die viel nahe liegendere Idee, in dem Schloss die Gemäldegalerie unterzubringen, wurde verworfen, um denjenigen ein Angebot zu machen, die sich mit dem Preußenerbe nicht so identifizieren wollten. Die Strategie ging auf. Die Preußenfreude identifizierten sich mit der Fassade und träumen davon, nach und nach auch das Innere des Gebäudes wie auch sein Umfeld zu erobern. Und die anderen freuten sich auf einen herrschaftsfreien Diskursraum für eine multikulturelle Globalisierung, und nahmen dafür die Schlossfassaden in Kauf, zumal diese zugleich eine städtebauliche Reparatur versprachen.

Doch dieses Vorgehen ist in mehrerer Hinsicht fatal: Zunächst setzt es die komplette Trennung zwischen Inhalt und Form voraus. Das Humboldtforum ist – wie man in der Architekturtheorie sagen würde – ein „dekorierter Schuppen“, wobei das Dekor eben nicht auf den Inhalt verweist, sondern einer ganz anderen Logik unterliegt. Und hieran brechen die Konflikte auf: Die jüngsten Vorschläge – der Verzicht auf das Kreuz oder die von den Intendanten vorgeschlagene Montage des Schriftzugs „Zweifel“ von Lars Ramberg versuchen punktuell einen Brücke zwischen Inhalt und Form zu schlagen und sind gerade deswegen zum Scheitern verurteilt, weil sie unvereinbares zu verbinden suchen. Zum zweiten ist diese Strategie der political correctness alles andere als political correct, sondern eine neokoloniale Perfidie: Die außereuropäischen Sammlungen werden instrumentalisiert, um die Errichtung der Schlossfassaden opportun werden zu lassen. Und damit nicht genug: Um das Label „außereuropäisch“ zu erlangen, werden die europäischen Sammlungen aus dem Ethnologischen Museum herausgelöst und ausgesperrt. Statt also einem Dialog auf Augenhöhe thront jetzt das christliche Abendland in Form eines Kreuzes über den außereuropäischen Sammlungen.

Der Skandal ist nicht das Weglassen oder Errichten eines Kreuzes. Der Skandal ist das Weglassen der europäischen ethnologischen Sammlungen, was gleichermaßen als koloniale Geste wie auch als Selbstverleugnung verstanden werden kann.

Die Ironie des identitätspolitischen Projektes Berliner Schloss/ Humboldtforum: Deutschland und Europa bleiben außen vor. Denn Preußen ist weder Deutschland noch Europa und bleibt hier unreflektiertes historisches Surrogat. Und so ist das Humboldtforum/ Berliner Schloss eben gerade kein Angebot für die Selbstklärung und Identitätsfindung unserer heutigen Gesellschaft, sondern eine unsouveräne Flucht vor uns selbst.

Erschienen im Tagesspiegel, 20.6.2017

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