Agora

Zum Urspung des Begriffs und zur Geschichte der Idee, welche das Herzstück der Konzeption des Humboldt-Forums bildet. ///

In der Debatte um die Gestaltung der Mitte Berlins taucht der Begriff erstmals in der Historischen Expertenkommission auf. Bruno Flierl führte den Begriff in seinen Ausführungen zur Bedeutung des Ortes ein, um die Qualität seiner zukünftigen Nutzung zu bestimmen. Die Nutzung des „Humboldt-Froums” sollte über die einzelnen Interessen der drei vorgesehenen Nutzer hinaus einen Ort der öffentlichen und kulturellen Kommunikation beinhalten und in einer gemeinsamen Nutzungsidee konzeptionell angelegt werden. Flierl beschrieb die qualitative Funktion dieser agorá als Ort der Verständigung und der Debatte über „bewegende Fragen unserer Zeit in einer lebendigen Stadt der Kultur und des Wissens im Prozess der deutschen Vereinigung, der europäischen Integration und der Globalisierung – so etwas wie ein Forum der Gesellschaft und ihrer Bürgerinnen und Bürger, eine Agora der Ideen für das 3. Jahrtausend und seine Gestaltung”.

Flierl forderte in seiner qualitativen Nutzungsbestimmung, dass sie sich nicht allein aus den Traditionen der bürgerlichen Bildungskonzepte des 19. Jahrhunderts herleiten und als deren Fortsetzung und Vollendung betrachten solle, sondern auch die am Ort „Mitte Spreeinsel” zur Zeit der DDR bereits wirksam gewesene Volkshaustradition aufgreifen und für die Bundesrepublik zukunftsorientiert überdenken und weiterführen sollte. Ihm ging es um ein offenes und aktives Diskussionsforum, das durch seine diskursiv und kontrovers angelegte Programmatik zum Ort der politischen Teilhabe würde

Der Begriff agorá stammt aus dem Griechischen. Seine ursprüngliche Bedeutung der „Versammlung” des Heeres oder Volkes wurde schnell erweitert und bezeichnete den „Versammlungsort” selbst. Die Bezeichnung agorá verweist auf die hellenistische Konzeption des zentralen Platzes. Sie war eine bedeutende gesellschaftliche Institution und als solche auch ein kennzeichnendes Merkmal der griechischen Polis. Hier waren nicht nur die wichtigsten politischen und kultischen Gebäude angesiedelt, sondern der Platz fungierte als öffentlicher Ort der rhetorisch-politschen Auseinandersetzung in der Polis. Im antiken Griechenland war die agorá angelegt als ein großer Versammlungsplatz im Zentrum einer Stadt.

In den darauf folgenden Überlegungen übernahm die Historische Expertenkommission den Begriff und die Idee der agorá und verknüpfte ihn mit der baulichen Wiederaufnahme des Stadtschlosses. Im Zusammenhang mit der Rekonstruktion des preußischen Stadtschlosses fungiert die Betonung der agorá zudem als Legitimation und Neutralisation für die bauliche Entscheidung, im 21.Jahrhundert ein Herrschaftsgebäude der preußischen Monarchie wieder zu errichten. Im Laufe der weiteren Entwicklung der Nutzungsidee wurde die agorá überführt in eine Ästhetik des Flanierens. Mittlerweile ist die agorá konzipiert als Ein- und Durchgangshalle im Humboldtforum, in der Sonderaustellungen und Veranstaltungen durchgeführt werden können, die aber vor allem als Meile zum Verweilen in einem internationalem Angebot für Gastronomie und Shoppen angelegt ist. Neben ihrer Verteilerfunktion ist sie konzeptionell eher als Ort der Harmonie und Kontemplation ausgerichtet. Entgegen des Gedankens eines Bürgerforums als Ort der gesellschaftlichen Teilhabe, an dem strittige Fragen der gesellschaftspolitischen Gegenwart zur Diskussion zu stehen und gemeinsam über Sinnbestimmungen in der Zukunft gestritten wird, wird dieser Bereich voraussichtlich Großveranstaltungen und repräsentativen Ausstellungen vorbehalten sein, flankiert von Museumsshops und Cafékultur in überdachter Mall-Atmosphäre. nb

 

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