Entwurf Kuehn Malvezzi (2008), Sonderpreis beim internationalen Wettbewerb

Der Entwurf der Berliner Architekten für den Wettbewerb gilt als eigentlicher Favorit der Fachjuroren und erhielt einstimmig den mit 60.000 dotierten Sonderpreis. Damit steht er fast gleichrangig zum ersten Preis da, auch wenn er punktuell gegen die Auslobungsbedingungen verstieß, weil er keine Kuppel vorsah. Von Politik und konservativer Presse wird der Entwurf weitgehend verschiegen, weil eine Debatte über Alternativen zum Ersten Preis nicht erwünscht ist.

 

 

 

 

 

 

Das Humboldtforum muss ein lebendiges Museum werden und die zeitgenössische Kuppel als leuchtender Baldachin trägt diese Idee sichtbar nach aussen. Als Entrée und Schaufenster des Humboldtforums wird der Eosanderhof unter dem Baldachin zu einem öffentlichen Platz in der Mitte Berlins.

AGORA
Leitidee des Entwurfes ist ein erweiterter Begriff der Agora als eine Raumfolge, die Außen- und Innenräume integriert und das Humboldt-Forum mit der Stadt verbindet. Ein Podium stellt dabei den feinmaßstäblichen Zusammenhang zwischen dem großen Baukörper und seiner Umgebung her: Es öffnet sich zum Lustgarten, zum künftigen Freiheits- und Einheitsdenkmal und zum Schlossplatz und führt von allen Seiten in den neuen Eosanderhof, der von einem Baldachin mit seitlichem Lichteinfall überkuppelt einen zur Stadt geöffneten Versammlungsraum bildet. Der Eosanderhof ist als öffentlicher Empfangsraum und Schaufenster des Museums konzipiert. Er erlaubt direkte Einblicke in die aktuelle Sonderausstellung und ist Entrée für das zentrale Atrium mit dem Zugang zu allen Ausstellungen und Bibliotheken.

Im Westen ist die historische Fassade vom Baukörper abgelöst und umgreift den neuen Eosanderhof. Sie wird dadurch als Artefakt objekthaft lesbar gemacht und als Exponat im urbanen Maßstab in den musealen Kontext aufgenommen. Die historische Fassade soll auf diese Weise von ihrer historisierenden Konnotation gelöst werden um ihn als zeitgenössischen Stadtbaustein wahrnehmbar zu machen. Auf der Ostseite öffnet sich das Humboldt-Forum mit einer Arkade zur Spree. In der Achse des Großen Treppenhauses verbindet eine Passage den Schlüterhof und seine Cafés mit der Uferarkade.

PARCOURS
In der Mitte des Humboldt-Forums befinden sich mit den Bibliotheken und Forschungseinrichtungen die Orte des Wissens. Sie werden ringförmig von den Sammlungen umgeben. Die Nahtstellen von Wissenschaft und Sammlung sind räumlich transparent gestaltet und verleihen damit der Grundidee des Humboldt-Forums Ausdruck.
Vom Erdgeschoss des Atriums gehen alle Wegeführungen aus. Eine zentrale Rolltreppe führt die Besucher in die Sammlungen der Asiatischen und Ostasiatischen Kunst im ersten und zweiten Geschoss sowie in das Ethnologische Museum im zweiten und dritten Geschoss.
Die ideelle Weltreise durch die Sammlungen beginnt mit den Humboldtschen und Leibnizschen Kunstkammern an deren historischem Ort im obersten Geschoss und setzt sich auf dem Weg nach unten in allen Ebenen fort. Unabhängig davon kann jeder Sammlungsbereich durch einen eigenen Parcours direkt von der Agora aus erlebt werden.
Die Sonderausstellungsbereiche liegen übereinander am Eosanderhof, während sich die Arbeitsräume des Forschungsbereichs zum Schlüterhof öffnen. Drei große Fenster im Sammlungsbereich und ein hoher Panoramaweg am Eosanderhof geben den Blick frei auf den Stadtraum zwischen Lustgarten und Schlossplatz.

BAUPHASEN HISTORISCHE FASSADENGESTALTUNG
Die Rekonstruktion des historischen Stadtraums zwischen Zeughaus, Altem Museum, Neuer Kommandatur, Dom und Stadtschloss erfolgt durch die Wiederherstellung der Kubatur des einstigen Stadtschlosses. Der Baukörper wird zunächst als unverputzer Ziegelbau errichtet. Die Fassadengliederung des Ziegelbaus bildet dabei ein genaues stereometrisches Modell des Schlosses nach. Die Gestaltung folgt dem Prinzip des „fertigen Rohbaus” wie es bei Albertis Kirche St. Andrea in Mantua und den Seitenfassaden Schinkels Neuer Wache zu finden ist.
In einer zweiten Phase kann mit der partiellen Applikation von Fassadenornamenten begonnen werden. Mit der Verkleidung der Portale und Balustraden sowie dem Portikus im Schlüterhof wird ein weiterer zusammenhängender Bauabschnitt geschaffen. In einer letzten Phase ist es möglich, sämtliche Fassaden nach der historischen Vorlage zu verkleiden. Durch den strukturellen Zusammenhang der Fassadenelemente in jeder Bauphase kann dieser Bauabschnitt zeitversetzt erfolgen.
Entwurf: Johannes Kuehn, Wilfried Kuehn, Simona Malvezzi, Karin Fendt, Karika Schmidt

Weitere Texte zu dem Entwurf: 

(1) In der ZEIT vom 23.12.2008 schrieb das Jurymitglied Arno Lederer unter dem Titel “Geben Sie Gedankenfreiheit”, dass der beste Entwurf- der der Architekten Kuehn Malvezii – aus Angst vor einem Rechtsstreit verhindert wurde. Sie seien der heimliche Sieger des Wettbewerbs. Das Wettbewerbserbgenis müsse noch einmal überdacht werden. Hier der gesamte Text.

(2) In einem sehr aufschlussreichen Interview mit Ulf Poschardt in DIE WELT vom 22.12.2008 erläutert Wilfried Kuehn Intention und Idee des Entwurfs. Hier der Text.

 

 

7 Antworten zu “Entwurf Kuehn Malvezzi (2008), Sonderpreis beim internationalen Wettbewerb”

  1. Jürgen Brahe sagt:

    1. Wenn die historische Fassade nachgebaut wird – und schon auf Standfiguren auf dem Attika-Abschluss verzichtet wird – darf auf gar keinen Fall eine auch noch so leichte (“immateriell” gelingt bekanntlich nicht ) Stahl-Glas-Konstruktion bis an die nach oben verlängert gedachte Fassadenflucht in Erscheinung treten.
    2. Der Apothekenflügel als Baukörper in heutiger Gestaltung, aber in Stein/Putz, mit Gehwegüberbauung, ist doch zwingend erforderlich, um die Rennbahn Karl-Liebknecht-Strasse zu bremsen und dem Lustgarten räumlichen Halt zu geben.
    3. Warum war die Wettbewerbs-Modell-Grundplatte so knapp beschnitten, daß keine (im Bodenrelief spürbaren) Aussagen zur Freiflächengestaltung ausserhalb des Schlossbaukörpers dargestellt wurden ? zB. U-Bahn-Ausgänge, zB. ein Volumen auf der Schlossfreiheit, zB. Vorfahrten ( Busse ), zB. die notwendige Fussgängerverbindung zum Lustgarten (mit Trennung der Fahrstreifen K.-Liebknecht-Str. mit deutlich ausgeformter Insel ( Baumstellung überleitend zwischen beiden Strassenseiten ).
    4. Also fängt die Entwurfsarbeit – richtigerweise – jetzt erst an.

  2. JTRN sagt:

    Erstaunlich wieviel der Baukörper gewinnt, wenn die unproportionale barocke Kuppel wegfällt. Interessant auch die Konzeption des neuen Eosanderhofs als einladende, taghelle Vorhalle und die winklige Passage zum Schlüterhof. Die unverputzte Ziegelfassade würde dem Ganzen auch ein wenig das Kulissenhafte nehmen.

    Trotzdem drängt sich hier dann auch wieder die Frage auf, warum man überhaupt an historisierenden Fassaden festhält. Wenn das Schloss noch als Ruine erhalten wäre, würde mich ein (Umbau-)Entwurf in dieser Art viel eher begeistern.

  3. Goedeking sagt:

    Wenn, dann so!

  4. Darius M. sagt:

    ne überhaupt nicht. christoph maeckler hat auch durch kleine fenster viel stein überzeugt. aber ohne kuppel geht garnicht.

  5. Darius M. sagt:

    wie gesagt auch sehr schön. aber kuppel sollte drauf. ein architekt wie albert speer gibt es heute sowieso nicht mehr.

  6. Speer? sagt:

    wenn stadtschloss, dann dieser entwurf!

  7. Thorsten W. sagt:

    In Anlehnung an Adorno würde ich sagen „Es kann keinen richtigen Entwurf als Antwort auf eine falsche Fragestellung geben”.
    Unter den „falschen“ Entwürfen erscheint mir der von Kuehn und Malvezzi noch am erträglichsten und gelungensten.

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