Entwurf Hufnagel Pütz Rafaelian (2008)

Verwandt einem Vorschlag von dem Münchener Architekten Stephan Braunfels, der diesen bereits 1993 gemacht und auch bei dem jetzigen Wettbewerb eingereicht hatte, drehen die Autoren den Schlüterhof Richtung Marx-Engels-Forum/ Fernsehturm und öffenen ihn zur Stadt. Anders als Braunfels verzichten Sie dabei allerdings, das Marx-Engels-Forum mit einer großmaßstäblichen Geste zu überformen. Etwas problematisch ist der Umgang mit den Portalen des Schlüterhofes, die in eine Ecksituation geraten.

Der Vorschlag für das neue Humboldt-Forum geht von der Überzeugung aus, dass die Suche nach der „verlorenen Mitte Berlins” der Einsicht bedarf, die am Ort vorgefundenen Strukturen als Ausdruck unterschiedlicher zeithistorischer und gesellschaftlicher Modelle zum Gegenstand der Betrachtung zu nehmen. Dabei können vorurteilsfrei gesehen gerade die vermeintlich antithetischen, ihrer Mitten beraubten Gegensatzpaare – im Westen die Allee Unter den Linden mit dem verlorenen Stadtschloss als räumlichen und ideellen Bezugspunkt und im Osten der abgerissene Palast der Republik, gedacht als bauliche und gesellschaftliche Einheit mit Karl-Marx-Platz und Fernsehturm – das Potential eines neuen identitätsstiftenden Zentrums für die Gesamtstadt bilden. Über die ambivalente städtebauliche Figur, dem umschlossenen Eingangshof, der den Stadtraum nach Westen besetzt, und dem offenen Wasserhof, der als „Cour d ́ honneur” nach Osten einen Raum an der Spree ausbildet, verschränken sich die Gegensatzpaare. Die Rudimente der stadträumlichen Strukturen werden als „Materialien” des Genius Loci erfahrbar gemacht auf unterschiedlichen Bedeutungsebenen zur integrativen Leitidee zur Rückgewinnung der Mitte der Stadt. Im Humboldt-Forum verbinden sich damit nicht nur in baulich konzeptioneller Weise die angrenzenden stadträumlichen Qualitäten der historischen Mitte Berlins, sondern es wird der Versuch unternommen, Geschichte auszusöhnen, aufgebrochene Gegensätze aufzuheben und im Neuen zu überwinden. Welche inhaltliche Nutzung wäre dazu besser geeignet als die Vision des neuen Humboldt-Forums, eine kühne Bildungsutopie, die bei allen Widersprüchen und historischen Brüchen ihre Bezugspunkte im Motto Friedrich Wilhelm IV „Die Museumsinsel als Freistätte für Kunst und Wissenschaft” ebenso hat, wie im sozialutopischen „Volkshausgedanken” oder im Humanismus der Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt.

Städtebau

Stadträumlich formuliert das konzentrierte Volumen des Humboldt-Forums in der Kubatur des Stadtschlosses den baulichen und symbolischen Abschluss der Straße Unter den Linden, während sich die Gegenseite über die Spree hinweg mit einer großzügigen raumgreifenden Geste zum Grünraum des Marx-Engels-Forums und zum Fernsehturm öffnet. Der Lindenallee des Prachtboulevards als Flaniermeile Berlins wird die landschaftliche Weite eines „Central Parks” als grüne Lunge im Zentrum der Stadt gegenübergestellt. Bei der Annäherung von der Schlossfreiheit und im Übergang zum „stadtseitigen” Eingangshof des Humboldt-Forums ist die Stülersche Kuppel der Schlosskapelle über dem Eosanderportal das bestimmende architektonische Motiv. Spreeseitig antwortet dem, in Analogie zu den Kolonnaden der Museumsinsel, ein öffentlicher Wandelgang, der den abgesenkten „Wasserhof” umschließt. Innerhalb der Agora mit Eingangshalle und Veranstaltungsbereich verschmelzen beide Stadtniveaus und Raumcharaktere, bilden Eingangshof als urbaner Festraum und Wandelgänge mit Café- und Wasserterrassen kollektive Räume mit hoher Aufenthaltsqualität für die Menschen der Stadt. Diese gegensätzlichen Bilder können nicht nur als isolierte, wenngleich berlinspezifische Architekturmotive verstanden werden, sondern tragen etwas von zwei Stadt- oder Denkmodellen in sich: Die Kuppel als Dominante im Stadtraum, als politisch und geistiger Mittelpunkt ruht in sich selbst, ist auf festes Land gegründet, während die Kolonnaden als Element der Bewegung antithetisch auf das unsichere, in die Ferne ziehende Element des Wassers verweisen. Der Bestätigung von Wirklichkeit und Gegenwart wird das Vergängliche, das Unbekannte, das Versprechen entgegengesetzt. Nähe und Ferne, Selbstvergewisserung und Verheißung werden zum architektonischen Bild für einen lebendigen Ort des Austausches, der neben den Sammlungen der außereuropäischen Kunst und Kulturen und renommierten Wissenschaftssammlungen die Forschungseinrichtungen der Humboldt-Universität und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin aufnehmen soll.

Architektur

Die Architektur der „Integrativen Mitte” der Gesamtstadt kann sich unter den beschriebenen Prämissen nicht in der bloßen Restauration und Rekonstruktion des „Verschwundenen” erschöpfen, sondern muss, will sie integrative Kraft entfalten, den unterschiedlichen Bedeutungsebenen in der architektonischen Erscheinung neuen baulichen Ausdruck verleihen. Während die in der Kubatur des Stadtschlosses errichteten Bauteile dessen tektonische Struktur und Maßstäblichkeit abstrakt widerspiegeln und die Fassaden der Flügelbauten mit den Kolonnaden an der Spree sich aus der Gliederung der ehemaligen Schlüterhofarkaden ableiten, sieht die architektonische Konzeption vor, die in das Gesamtvolumen eingefügten „Schlossportale” als herausgehobene Zugänge in ihrer inneren und äußeren Form bis in die Details des Fassadenschmucks und der prächtigen barocken Innenarchitektur historisch getreu zu rekonstruieren. Ziel ist es, durch klar ablesbare rekonstruierte Bereiche die Bedeutung des Stadtschlosses als einen wesentlichen, aber nicht ausschließlichen Teil der Geschichte des Ortes in allen Bereichen des Humboldtforums, in der Agora als „Portal zur Welt”, den „Werkstätten des Wissens”, den Außereuropäischen Sammlungen, vom wasserzugewandten Sockelgeschoss mit den Booten Ozeaniens bis zu den Interdisziplinären Ausstellungsflächen im obersten Geschoss mit Blick über die Stadt, sinnlich erfahrbar werden zu lassen. Diese abgegrenzten historischen Schnittstellen sind Orte, die beispielhaft wichtige Festräume, wie Elisabethen- und Rittersaal oder die Schlosskapelle rekonstruieren, das Lapidarium mit den geretteten Fragmenten der Skulpturen Andreas Schlüters und die Kunstkammern des Schlosses aufnehmen aber auch Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit der preußisch deutschen Geschichte von Kolonisation und Entdeckung bieten. Der Baugedanke ist versöhnlich und integrativ. Seine Erscheinung, sein innerer Aufbau wird als einheitliches Ganzes wahrnehmbar gefügt aus den unterschiedlichen Teilen des konzeptionellen Ansatzes. Die differenzierte Strategie erlaubt mittelfristig, den Grad der Annäherung an die barocken Fassaden offen zuhalten, ohne diese vorab zu präjudizieren.

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