Zustimmung zur Schadensbegrenzung

Die Architekturzeitschrift die Bauwelt bat drei der Jurymitglieder des Wettbewerbsverfahren um eine Stellungnahme zum Wettbewerb. Wie wenig diese vom Wettbewerbsergebnis trotz ihres einstimmigen Votums überzeugt sind, geht aus den Antworten hervor, von denen wir hier die des italienischen Architekten Giorgio Grassi publizieren.

Das neue Stadtschloss ist – wie einst sein Abriss – das Ergebnis einer politischen Entscheidung, mit Bezug auf die Vergangenheit wieauf die Zukunft der Stadt. Jenseits dieser politischen Bedeutsamkeit scheint das eigentliche Ziel die Erscheinung, das theatralische Ereignis „Schloss” zu sein: seine neue Präsenz mit alten Fassaden als Spektakel inmitten der anderen Baudenkmäler zwischen Museumsinsel und Unter den Linden. Bei dieser Entscheidung scheinen Wert und Eigenheit des neuen Schlosses als architektonischer Ausdruck per se in der Ausschreibung keine Berücksichtigung gefunden zu haben. Die logische Schlussfolgerung aus dieser Vorgabe hätte eigentlich die Replik des alten Schlosses sein müssen: ein zweites Schloss, dem ersten so identisch wie nur irgend möglich. Eine nur schwer von der Hand zu weisende Hypothese, derzufolge die Architektur allerdings völlig unbeteiligt geblieben wäre. Im Übrigen wäre dann auch nicht ein Wettbewerb für Architekten notwendig gewesen.

Zwei zusätzliche Fragen gab es zu beantworten, eine pragmatischer Natur und essenzieller Teil des Wettbewerbsprogramms, die andere von komplexem methodologischem Charakter, wo die Architektur wieder ins Spiel kommt.

Zum einen gilt es, ein Projekt mit erheblichen finanziellen Mitte1n im Ergebnis so reich wie nur möglich auszugestalten. Hieraus ergibt sich ein Programm mit unterschiedlichen Nutzungsstrukturen: Ausstellungen, Kongresse, Theateraufführungen, Kommerz usw. Das sogenannte Humboldt-Forum steht ganz offenkundig wenig in Einklang mit dem Stadtschloss, „wie es früher einmal war”.

Die zweite Frage – für mich auf lange Sicht die bedeutsamere – betrifft das Architektonische des neuen Bauwerks: seine ganz eigene raison d‘être als Architektur, die dem früheren Gebäude einen angemesseneren und komplexeren Sinngehalt zu geben in der Lage wäre. In einer sehr verknappten Formulierung geht es hier also um das neue Schloss als symbolische Form des früheren. Meiner Auffassung nach ist das die einzig plausible Daseinsberechtigung eines neuen Schlosses an diesem Ort. Also nicht eine Kopie des alten Baus, sondern ein eigenständiges Bauwerk, das über seine äußere Form das Gewesene evoziert. Im Übrigen ist genau dies das spezifische Feld der gestalterischen Interpretation, der architektonischen Ausformung -‚ und meiner Meinung nach ist dies die eigentliche Aufgabe, auf die die Teilnehmer sich hätten einlassen müssen. Wichtig ist nicht so sehr die äußere Form des alten Schlosses, sondern die Erinnerung an sie, also de facto das dieser Form innewohnende Leben als Ausdruck der Geschichte der Stadt: jener Geschichte, die der frühere Bau bis zu seinem Ende durchlebt hat. Dies ist natürlich nur meine ganz persönliche Ansicht, die Meinung eines Architekten. Und als solcher muss ich sagen, dass ich von den Ergebnissen sehr desillusioniert bin. Alle präsentierten Entwürfe, die ausgewählten wie die in der zweiten Phase ausgeschiedenen, konnten oder wollten auf diese ganz spezifische Aufgabe keine Antwort geben, gerade so, als wäre es ihnen nicht einmal bewusst gewesen, dass sie sich in Wahrheit nicht mit dem schieren „Wie es aussah” hätten auseinandersetzen sollen, sondern über die äußere Form hinausgehend mit der dramatischen Geschichte des früheren Bauwerks. Hierzu wäre ein gehöriges Quantum an Sensibilität und Augenmaß nötig gewesen, nicht zuletzt ein großes Können, wie es ein solches diffiziles Thema verlangt. Stattdessen präsentieren alle Entwürfe technokratische Antworten zum ausgeschriebenen Bauvorhaben, mehr oder minder gelungen, mehr oder minder elegant, mehr oder minder ehrlich, schlussendlich also dieser Aufgabe mehr oder minder angemessen. Ein Fehler liegt sicher auch in der Ausschreibung selbst mit ihrem Hauptaugenmerk auf eine repräsentative und dabei perfekt funktionale Struktur. Ich meine aber, dass die Kleinmütigkeit, die die Teilnehmer diesen Vorgaben gegenüber an den Tag legten, ähnlich schwerwiegt. Im Ergebnis behandelten sie sie unkritisch und sagten sich damit von ihrer eigentlichen Aufgabe als Architekten los.

In meinen Beurteilungen der Entwürfe habe ich mich dann vom Prinzip der Schadensbegrenzung, des relativ weniger schlechten, leiten lassen – im Vertrauen darauf, dass substanzielles Überdenken und Vertiefen im Verlauf der Planungen erfolgen werde.

Giorgio Grassi / Jury. Aus dem Italienischen von Agnes Kloocke. Nachzulesen in der Zeitschrift die Bauwelt – Heft 3-2009. Dort auch die Statements von Jean Louis Cohen und Peter Kulka.

 

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar