Parzinger auf Kurs gebracht

Ende Februar 2008 plädierte der designierte Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger für einen freieren Umgang mit der Vorgabe der Fassadenrekonstruktion beim Bau des Humboldtforums. Wenig Tage später war der neue Ton schon wieder verflogen. ///
Berlin, Februar 2008

Kurz vor seinem Amtsantritt als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gab Hermann Parzinger der Wochenzeitung DIE ZEIT ein Interview, in dem er als Hauptnutzer des Humboldtforums für einen freieren Umgang mit der geforderten Fassadenrekonstruktion plädierte. Doch nur eine Woche später war er wieder auf Kurs gebracht:

In der ZEIT vom 21.02.2008:

ZEIT: Die Pläne des Architekten David Chipperfield für das Neue Museum (werden) heftig kritisiert, eine Bürgerinitiative würde den Umbau am liebsten stoppen. Können Sie die Proteste verstehen?

Parzinger: Manche Menschen wünschen sich, dass Chipperfield das Neue Museum wieder so herstellt, wie es vor dem Krieg einmal war. Aber man kann im 21. Jahrhundert nicht Kaulbach-Fresken des 19. Jahrhunderts nachmalen, das wäre absurd. Chipperfields Umbau ist keine plumpe Nachahmung, sondern eine hochintellektuelle Aneignung. Mir gefällt sehr gut, wie differenziert er vorgeht, wie deutlich er die Trennlinie zwischen Altem und Neuem markiert.

ZEIT: Gerade daran entzündet sich Kritik. Chipperfield mache aus der Wunde einen Fetisch, heißt es. Warum die Kriegsspuren bewahren?

Parzinger: Mir ist das aus meiner Arbeit als Archäologe sehr vertraut. An manchen Ausgrabungsstätten werden wir gebeten, Teile des ursprünglichen Baus zu rekonstruieren. Es ist aber ein eisernes Gesetz, dass man das Ergänzte deutlich vom Original absetzt. Auch Klaus-Dieter Lehmann hat diese Methode immer befürwortet. Es ist ein ehrlicher Zugang.

ZEIT: Und wie halten Sie es mit der Ehrlichkeit beim Schloss? Dort sollen unehrlich drei Barockfassaden rekonstruiert werden.

Parzinger: Ich muss Ihnen gestehen, ich spreche nicht gern vom Schloss. Wir bauen ja kein Schloss, sondern das Humboldt-Forum. Dafür werden einige Fassaden des Ursprungsbaus neu errichtet, viel mehr aber nicht.

ZEIT: Und gefallt Ihnen das?

Parzinger: Man kann sich natürlich auch anderes vorstellen, auch ein völlig neues, modernes Gebäude wäre für mich an der Stelle denkbar. Aber Sie wissen, dass es mehrere Bundestagsbeschlüsse gibt, die eine barocke Außenhaut vorsehen. Diese Beschlüsse wollen wir nicht aufweichen. Gleichwohl haben wir in der ersten Jurysitzung für den Architektenwettbewerb klargemacht, dass wir an bestimmten Punkten Spielraum brauchen.

ZEIT: Welche Punkte meinen Sie?

Parzinger: Den Gesamtcharakter der Fassade werden wir nicht verändern. Doch wenn zum Beispiel ein Fenster leicht verschoben werden muss, um den Innenraum dahinter besser beleuchten zu können, dann muss so etwas möglich sein. Schließlich ist die Fassade kein Selbstzweck, das Humboldt-Forum muss gut funktionieren.

 

Und eine Woche später in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.2.2008):

FAZ: Sie haben vor kurzem erklärt, Sie könnten auch mit einer modernen Fassade leben. Jetzt gibt es die ersten Entwürfe – machen die Sie eher optimistisch oder skeptisch?

 


Parzinger: Ich habe nur gesagt, dass man sich vieles vorstellen kann, doch ich bevorzuge die barocken Schlossfassaden, weil sie für eine klare städtebaulich-harmonische Einbindung sorgen, gerade auch in Verbindung mit dem Boulevard Unter den Linden. Ich habe noch keine Entwürfe gesehen, aber bei der Gestaltung dieses besonderen Ortes ist jetzt die Kreativität der Architekten gefragt, ein wirklich einzigartiges Monument zu schaffen.

FAZ: Das wofür stehen soll?

Parzinger: Es muss ein Bau sein, in dem sich möglichst viele wiederfinden. Wenn es gelingt, die Historizität des Ortes mit den Brüchen unserer deutschen Geschichte und dem im Humboldt-Forum angelegten Aspekt einer neuen Weltläufigkeit, mit dem “Blick nach außen” zu verbinden, könnte etwas Großartiges entstehen.

FAZ: Nun war ja das Schloss immer wahrgenommen worden als ein Projekt, das die historischen Brüche, von denen Sie sprechen – “heilen” sollte, sagen die Befürworter, “verkleistern”, sagen die Gegner. Sie sind von Haus aus Archäologe, wie sehen Sie das Problem der rekonstruierten Geschichte in diesem Fall?

Parzinger: Archäologen trennen ganz klar das Ergänzte vom Alten. Wir haben die Diskussion ja auch auf der Museumsinsel mit den Eingriffen, die David Chipperfield dort vorgenommen hat. Ich finde sein Konzept überzeugend, doch man sollte jetzt nicht alle Kriegswunden und Brüche im Stadtbild über die Maßen stilisieren.

FAZ: Es wird also beim Schloss eine vorgeblendete, den Barock imitierende Fassade geben und dahinter eine sich deutlich davon abhebende Innenarchitektur.

Parzinger: Eine moderne Innenarchitektur hinter Barockfassaden, ja.

 

Eine Antwort zu “Parzinger auf Kurs gebracht”

  1. Brigitte v.Ungern-Sternberg sagt:

    Mir ist im Paul Gerhardt Jahr und im Verlauf der Schlossdebatte klar geworden, dass hinter dem Schloss und dem sich entwickelnden Spreeathen eine Bürgerstadt, eine Hansestadt untergegangen ist. Die Hansestadt ist mit der Residenzstadt untergegangen, die Berlin/Cöllner haben sich dagegen gewehrt und haben den Schlossbauplatz geflutet, um den Schlossbau zu verhindern. Die Urberliner wollten kein Schloss, für sie war es eine ‘Zwingburg’.Es hat der handfeste Protest nichts genützt, freie Hansestadt ade (‘Berliner Unwillen’ 1448). Die alte Bürger/Hansestadt ist physisch fast untergegangen und lebt auch in unserem Geschichtsbewußtsein nicht sonderlich weiter. Der Neubau auf dem alten historischen Platz soll wieder dem Bürger dienen – wenn dieser Bürger denn Museen liebt – also dem im weitesten Sinne Bildungsbürger. Es wird also ein Zweckbau sein mit feudaler Maske. Ich hätte gerne ein Gebäude das Kunde gibt von dem Bürgersinn im alten und neuen Sinn und damit in die Zukunft weist. Irgendwie schade, dass man den alten Palast der Republik abgerissen hat und nicht umgewidmet. Das DDR Volk hat ihn angenommen als einen Ort wo ‘man’, das Volk hingehen konnte und in diesem Sinne war es ein Bürgerpalast. Damit hätte man fortfahren können, auch wenn die DDR untergegangen ist, wie die Hansestadt, das Kurfürstentum, das Königtum, das Kaiserreich, die Weimarer Republik, das Dritte Reich, die alte Bundesrepublik, die Deutsche Demokratische Republik. Einen Architekt mit Visionen hätte ich mir gewünscht, der über Geschichtssinn verfügt und aus der Vergangenheit, aus der Vorvergangenheit heraus Visionen für die Zukunft hat. Wahrscheinlich wieder eine Quadratur des Kreises.

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