Warum wird die Schlossfassadenrekonstruktion einige Jahrzehnte dauern?

Atelier Hoferick Büste

Ein Gespräch, in dem der Berliner Steinbildhauer Andreas Hoferick, Restaurator und Experte für bildhauerische Rekonstruktion erklärt, warum die Rekonstruktion der Schlossfassade einige Jahrzehnte dauern wird und wo die Herausforderungen bei der professionellen Rekonstruktion liegen. ///

 

 

SCHLOSSPLATZDEBATTE.DE: Wie werden bildhauerische Bauelemente rekonstruiert?

ANDREAS HOFERICK: Zunächst einmal bedarf es der Kenntnis der Formensprache vergleichbarer Skulpturen aus der selben Stilepoche – noch vorhandene Originale oder deren Abgüsse aus Stuckgips – , das Wissen um das Temperament und die Mentalität der Formensprache der Zeit sowie die bildhauerischen Techniken. Unverzichtbar sind dabei kunsthistorischen Recherchen. Soweit vorhanden, werden Spolien und Fotos des Originals für eine Rekonstruktion genutzt.

Wichtig ist außerdem die Einberufung einer „Qualifizierten Expertenkommission“, welche mindestens aus Kunsthistorikern und einem unabhängigen Bildhauer besteht, die Arbeit des rekonstruierenden Bildhauers konstruktiv-kritisch begleitet und soweit erforderlich Änderungen vorschlägt. Und diese Kommission hat unbefangen zu sein.

Der Bildhauer beginnt die Rekonstruktion mit der Herstellung eines Bozettos, eines verkleinerten Modells der Skulptur, so wie auch ursprünglich die Herstellung der Skulpturen begonnen wurde. In der Rekonstruktion empfiehlt es sich, diesen Bozetto zu Klärung wichtiger Fragen etwas größer als üblich herzustellen, schon allein als Diskussionsgrundlage für die Expertenkommission. Dieses Modell wird maßstabsgerecht in traditionellen Verfahren vergrößert, wobei dies keineswegs nur ein technologischer Vorgang ist, sondern die künstlerische, geistige und sinnliche Dimension von Bedeutung für das Gelingen des Werkes ist. Das Ergebnis ist eine 1:1 Stuckfigur als Modellvorlage. Dieses Stuckmodell wird in traditioneller Manier im „Steinbildhauerischen Kopierverfahren“ punktiert und somit in den gewählten Naturstein umgesetzt. Hierbei erfährt die Skulptur erst den „Verbindlichen Duktus“, eben die schlussendliche Feininterpretation.
Für die Erarbeitung einer Rekonstruktion braucht man vor allem praktische Erfahrung und die sammelt man, indem man den Bildhauerberuf von Grund auf erlernt und eben diesen Beruf auch kontinuierlich ausübt; wie z.B. ein Pianist, der jeden Tag auf seinem Klavier probt, um dann auch in Konzerten virtuos auftreten zu können. Das ist in der „Klassischen Steinbildhauerei“ sehr ähnlich. So kann man einen „Schlüter“, „Glume“ oder „Kapplunger“ nur zitieren, wenn man tatsächlich die Sache jeden Tag kontinuierlich ausübt. Ich sehe das auch bei mir selbst, wenn ich phasenweise nicht zuletzt in Ermangelung entsprechender Aufträge zu viel Büroarbeit oder Aquise betreibe, dann habe ich zu lange Pausen und muss mich immer wieder von Neuem in die Anschauungsweise des „Bildhauerns“ hinein leben. In sofern trägt dieses Metier unzeitgemäße Züge (rhythmisch gesehen).
Atelier   Atelier Hoferick Büste Pegasus

In Andreas Hofericks Werkstatt

 

SCHLOSSPLATZDEBATTE.DE: Wer macht das heute?

ANDREAS HOFERICK:  In Berlin und Umland gibt es überhaupt nur noch wenige Leute für die „Steinbildhauerei im „Preussischen Barock“. Die wenigen Namen sind in Fachkreisen wohlbekannt: Carlo Wloch, Stefan Werner, Andreas Klein, Rudolf Böhm und Sohn Eckhardt Böhm, Frank Kösler, Mattias Körner, Wolfgang Wille und drei weitere Kollegen welche in unserem Atelier arbeiten (nachzuvollziehen auf der Homepage www.hoferick.com). Eine vergleichbare Konzentration an praktizierenden Steinbildhauern kann erst wieder in Dresden angetroffen werden, wobei hier das Problem der Stiltreue und Mentalität im Hinblick auf den „Preußischen Barock“ zu beachten ist. Eine Berücksichtigung der Dresdner Kollegen wäre aber denkbar und wünschenswert, wenn es um größere Projekte ginge.

Es gibt außerdem ein Generationsproblem: Wenn ein Schloss in Berlin gebaut würde, würde aus Alters- und Gesundheitsgründen keiner der genannten mehr ernsthaft in Erscheinung treten, außer bei den allerersten Anfängen. Die heutigen Berliner Steinbildhauer kommen alle aus der Werkstatt des „Meister Klimes“, welcher in den 1950-80er Jahren die Steinbildhauerei in Ostberlin zu einer Renaissance geführt hat. Bei „VEB Stuck- und Naturstein“ gab es zuletzt immerhin 26 Bildhauer. Noch bis 1995 wurden Bildwerke und Kompositionen aus Sandstein für das Berliner Zeughaus in Klassischem Sinne geschaffen. Z.B. dauerte die Rekonstruktion der Mars und Minervagruppe (jeweils 110 Tonnen schwer) ca. 5-7 Jahre mit mindestens 5 Kollegen, welche kontinuierlich daran arbeiteten.

Heute gibt es den Beruf des Steinbildhauers nicht mehr, er ist so gut wie ausgestorben. Das Berufsbild des Steinbildhauers ist inzwischen auch Begrifflich aufgeweicht worden. In Deutschland ist Anfang der 1990er Jahre der Beruf des „Steinbildhauers“ mit dem des „Steinmetzen“ begrifflich vermischt worden. Wir haben es inzwischen mit nur einem einzigen Berufsbild zu tun dem „Steinmetz-Steinbildhauer“. Da hat man ein „Ehrwürdiges Berufsbild“ einfach platt gemacht. Das ist ungefähr so, wie wenn man Fleischer und Chirurg zu einem Berufsbild vereint. Es hat zwar beides mit demselben Grundstoff zu tun, ist aber etwas grundsätzlich Anderes. Einer der Bordsteine oder Fensterbänke im Accord herstellt, hat nichts mit demjenigen zu tun, der künstlerische Begabung, Muse und räumliches Vorstellungsvermögen und den gesamten Bildungshintergrund (Kunstgeschichte, Stilkunde, Technologiein, historische Handwerkstechniken usw.) seinen Beruf „Steinbildhauer“ einbringt. So ist ein Arbeitgeber jetzt z.B. in der Lage einen Bildhauer alternativ mit Steinmetzarbeiten beschäftigen. Ertragsorientierte geschäftige Unternehmen praktizieren das: Da kann es passieren, dass ein ordentlich ausgebildeter, angestellter Steinbildhauer jahrelang Gehwegplatten aus Granit verlegen muss. So als hätte Karajan sein Geld mit dem Dirigieren von Straßenmusikern verdient.

SCHLOSSPLATZDEBATTE.DE: Aber es gibt doch auch die Dombauhütten.

ANDREAS HOFERICK: Die Kölner Dombauhütte mit acht Leuten hat die größte Kapazität, aber das ist in etwa zu vergleichen mit einer Hals-Nasen-Ohren-Klinik, die nur einen Patient hat. Die beschäftigen sich ausschließlich mit einem einzigen Bauwerk. Außerdem sind von den acht Leuten nur 2-3 Kollegen Steinbildhauer bzw. Bildhauer im Klassischen Handwerk.

SCHLOSSPLATZDEBATTE.DE: Und wie war dies zu den Zeiten, als das Berliner Schloss gebaut wurde?

ANDREAS HOFERICK: Bildhauer war ein etablierter, angesehener Beruf mit solider Ausbildung. Man wurde als Auszubildender zunächst durch alle Abteilungen einer Werkstatt geschickt und dann hat man sich je nach Befähigung unterschiedlich qualifiziert – ob als Kopist, Modellierer am Ornament oder an der Skulptur usw.. So ist eine Art Manufaktur entstanden, die mindestens 10-30 Leute beschäftigte. Die Vorgaben kamen von den Baumeistern wie z.B. Schlüter und später Schinkel, die selbst die Techniken auszuführen gelernt hatten. Sie haben viel vorgegeben, meistens zeichnerisch, oft haben sie wohl kleine Bozzetti und Modelle gefertigt und wenn es notwendig war auch ein ganzes Modell. Die Modelleure haben die zeichnerischen Vorgaben dann in einen Bozzetto verwandelt und diese sind dann von den Baumeistern kontrolliert worden, ebenso die 1:1 Modelle.

SCHLOSSPLATZDEBATTE.DE: Und was müsste man machen, um das Berliner Schloss zu rekonstruieren?

ANDREAS HOFERICK: Wenn man das Berliner Schloss rekonstruieren will, bräuchte man eine Werkstatt mit hunderten von Leuten und für die von Bauminister Tiefensee propagierten 3-4 Jahre Schlossbauzeit sogar mehrere hundert Bildhauer. Die Rechnung ist ganz einfach: Für das Neue Palais in Potsdam hat man zwölf gestandene Bildhauerwerkstätten für eine Bauzeit von 1763-69 gebunden, und das war in Hochzeiten der Steinbildhauer-Kunst. Ich gehe davon aus, dass jede der Werkstätten 10-15 versierte Leute beschäftigte. Das Palais können Sie in Quantität und Qualität mit dem Berliner Schloss vergleichen, wenn Sie rechnen, dass ca. zwei bis drei Neue Palais bildplastisch in das Berliner Schloss passen. Aber diese Kapazitäten gibt es heute nicht mehr. Die letzten Werkstätten wurden alle dicht gemacht und die Tradition fehlt. Seit 1996 gibt es die Werkstatt Klimes wegen fehlender Aufträge nicht mehr und von keiner Seite deutet sich ein seriöses Interesse am Erhalt einer „Klassisch arbeitenden Steinbildhauerwerkstatt“ an, welche im Preußischen Barock in entsprechenden Dimensionen zu agieren in der Lage ist. Es ist irritierend und fachlich skurril , dass Herr von Boddien oder Herr Stuhlemmer (Vater und Sohn) dem Glauben nicht entgegentreten, in drei bis vier Jahren stünde das Berliner Schloss einschließlich seiner Ornamente und Skulpturen fertig da. Denn die Voraussetzungen dafür sind nicht mehr gegeben. Die Beauftragung eines einzelnen sehr begabten Bildhauers mit seinem Helfer ändert daran wenig. Das kommt mir so vor, als wollte man Nabucco von Verdi mit nur einem Sänger und nur einer Violine einüben. Eine hilflose PR-Show! Da hilft auch keine umfangreiche Werbung und Propaganda, wenn es schlicht an solider Praxis und Fachkräften mangelt. Das zu beurteilen frage man am Besten die wenigen verbliebenen Steinbildhauer.

  

In Andreas Hofericks Werkstatt und Atelier

 

SCHLOSSDEBATTE.DE: Ist das Schloss eine Aufgabe für Generationen? Wäre es möglich, erst einmal den Baukörper zu errichten und dann den Schmuck anzubringen?

ANDREAS HOFERICK: Ja, das war auch früher so. Man kann die Kapitelle gleich mit verbauen und den Figurenschmuck erst hinterher. Ich finde, das ist etwas für Generationen. Deutschland ist heute nicht mehr in der Lage, eine solche Kulturleistung zu erbringen. Siebzehn Jahre sind immerhin bereits hinsichtlich der Schlossthematik verdiskutiert worden. Man bedenke, dass in eben dieser Zeit in den 1990er Jahren die größte Lehrlingsausbildung für Steinmetze und die größte Steinbildhauerwerkstatt Deutschlands ihre Existenz aus ökonomischen Gründen aufgeben mussten. So viele Leute sind es ja gar nicht, wenn man nicht mit mehreren hundert Leuten in ca.3-5 Jahren, sondern mit 100-150 Steinbildhauern, in eben 20 – 25 Jahren so eine Sache baut, welche zum Teil neu rekrutiert werden müssten und dementsprechend qualifizierte und ambitionierte Fachkräfte wären. Aus der „Klimes-Werkstatt“ sind noch sieben Bildhauer übrig geblieben welche in der Regel als Einzelkämpfer nicht Zuletzt fachlich ein angeschlagenes Dasein führen, wenn man die Generationsfrage einmal außer Acht lässt, denn in wenigen Jahren sind diese Leute um die 60 Jahre alt.
Ich sehe keine jedoch Bemühungen, dass wo und wie auch immer nachweislich eine Steinbildhauerschule ins Leben gerufen wird. Die wenigen Einzelkämpfer in Berlin, welche allesamt einst aus der Selben Bildhauerwerkstatt Klimes stammen, reichen einfach nicht für ein Mammutprojekt wie das der Rekonstruktion der Bauskulptur des Berliner Schlosses. Für eine seriöse Steinbildhauerwerkstatt benötigte man eine ganz andere Substanz. Man könnte im Zusammenhang mit der Rekonstruktion des Berliner Schlosses eine Steinbildhauerschule aufbauen, die Fachleute (Spezialisten) kontinuierlich beschäftigten und Modelleure ausbilden welche in der Lage sind, barocke Skulpturen nachzubilden. Synergien zu den Prozessen hinsichtlich der Wiedererrichtung des „Potsdamer Stadtschlosses“ sind unerlässlich.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Rekonstruktionen gab es ja schon immer. Aber der Wunsch, dass man dies so beschleunigt macht, ist der neu?

ANDREAS HOFERICK:: Das ist nicht neu, sondern unmöglich. Beim Braunschweiger Schloss hat es nur deshalb funktioniert, weil noch relativ viel Originalsubstanz vorhanden war und weil es im Vergleich sehr wenig Skulptur und Bau-Schmuck hat. Und die einzige Sache, die wirklich ernst zu nehmen war, die Quadriga, fehlt ja immer noch. Die Frauenkirche kann man nicht als Vergleich hinzuziehen, da es dort keine Skulpturen und Ornamente gibt.

Das Braunschweiger Schloss ist ohnehin ein Musterbeispiel dafür, wie Rekonstruktion heute abläuft. Bei der Ausschreibung haben irgendwelche Generalübernehmer Angebote zu Dumpingpreisen abgeben, wodurch die erfahrenen Steinbildhauer und Steinmetze nicht zum Zuge kamen. Es wird niemals direkt beauftragt, sondern immer über größere Konsortien, welche die eigentliche Arbeit nach Polen, Tschechien oder andernorts weiter vergeben, um Kosten zu sparen. Aber die Leute dort wissen langsam, wenn und ob sie gut sind. Dort bekommt man auch nur noch drittklassige Bildhauer zu eben diesen Niedrigstpreisen. In Tschechien und auch in Polen sind die Guten längst schon woanders oder an seriösen Preisen interessiert.

Aber nehmen wir die Quadriga des Braunschweiger Schlosses. Das sind vier große Pferde mit Siegesgöttin, ca. neun Meter hoch (incl. Kampfwagen und Siegeskranz), nach dem Gipsmodell von Rietschel in 1:4, welches im Albertinum in Dresden steht. Das wurde gescannt und sollte in 1:1 als Oreole – sozusagen als Rohkörper – dreidimensional aus Styropor ausgeplottet werden. Auf diese ausgeplotteten Styroporkörper sollte laut Ausschreibung ein Bildhauer nur noch eine zwei – drei Zentimeter dicke Gipsschicht aufbringen und gestalten. Das hört sich leichter an, als es wirklich ist. Der gestaltende Bildhauer ist mit einem disproportionierten Grundkörper konfrontiert und wird durch diese Irritation wesentliche Arbeitszeit zusetzen. Die Eigentliche Arbeit des „Nachempfindenden Bildhauers“ ist nicht erleichtert, sondern erschwert worden.

Zunächst hatte ein Theaterplastiker den Auftrag erhalten, welcher nicht über Kenntnisse in der Rekonstruktion von Klassischen Bildwerken in dieser Dimension verfügt. Der Auftrag wurde gestoppt und man hat die Arbeit nach Polen in eine Bildhauerwerkstatt weitergegeben. Die Quadriga war dann anscheinend auch relativ schnell fertig, wurde in Teilen auf die Baustelle angeliefert. Inzwischen ist sie bis auf Weiteres wieder verschwunden.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Kann man denn den Prozess der Rekonstruktion digital unterstützen?

ANDREAS HOFERICK: Ja und nein. Ja, wenn es um die Arbeitserleichterung durch das digitale Archivieren von Tausenden von Fotos geht, das dem Rekonstrukteur einen schnellen unkomplizierten Zugriff auf Informationen auch im Detail ermöglicht. Aber ein eindeutiges Nein, wenn es um den naiven Glauben geht, durch 3DScan und Plot würde der Bildhauer ersetzt werden. Das ist überhaupt nicht möglich. Ich betreibe das Scannen selbst am Rande und habe jüngst in meiner Werkstatt, in Zusammenarbeit mit Studenten vom 3D-Labor der Technischen Universität Berlin eine über lebensgroße Pferdegruppe gescannt. Das war eine zeitraubende umständliche Arbeit, welche ihrerseits ein hohes Maß an Qualifikation zur Voraussetzung hat. Wir haben etliche Detail-Scans ausführen müssen, welche danach ebenso mühevoll zusammengenäht werden mussten. Eine faszinierende Datei ist entstanden! Aber wie relevant ist diese Datei für die Umsetzung? Mit dieser Datei ist es theoretisch möglich eine „ausführende Firma“ mit der Beauftragung zum Plot zu konfrontieren. Das Problem ist, das eine lineare Vergrößerung oder Verkleinerung eine Verfremdung des Bildwerkes darstellen würde. Proportionen von Skulpturen sind immer auch auf ihre Größe zugeschnitten und gestaltet. Mir ist bisher noch kein Beispiel bekannt wo ein Scan einer hochkomplizierten Skulptur zu Arbeitserleichterungen oder Ersparnissen geführt hat. Bisher ist nur das sehr hohe Preisniveau für derartige Verfahren bekannt, es sei denn es handelt sich um Massenproduktion von bildhauerisch gesehen sehr simplen Formen, welche noch dazu eine bestimmte Größe nicht übersteigt (aus Kostengründen?).

 

 

SCHLOSSDEBATTE.DE: Was gibt es des Weiteren für Probleme?

ANDREAS HOFERICK: Der Bildhauer versteht oft nicht viel von einem 3D-Programm, und ein IT-Spezialist weiß kaum etwas von Bildhauerei. Es gibt Niemanden, der beide Perspektiven in sich vereint, aber den müsste es geben um eine konstruktive Entwicklung zu gewährleisten. Hinsichtlich der Zusammenarbeit der beiden Disziplinen können Sie das Problem auch nicht lösen, da bestehen schon zwischen den beiden Berufsfeldern zu viele Missverständnisse.

Auf der Denkmalpflegemesse in Leipzig 2007 sind mehrere Firmen vertreten gewesen, die sich damit beschäftigen. Dort wurde z.B der inzwischen legendäre, viel zitierte Scan des Kaiser Konstantin-Kopfes ausgestellt. Im Prinzip war das eine sehr einfache Skulptur, aber der Plot war so wenig relevant, dass sich danach ein Steinmetzmeister (wohlbemerkt „Steinmetzmeister“)aus Berlin der Sache angenommen und alles überarbeitet hat. So wurde das Ganze zu Werbezwecken auf Broschüren von IT-Firmen wiedergegeben und erregte nur kurze Zeit Aufsehen.

Der Bildhauer arbeitet sinnlich in 3D, also dreidimensional. Der der Computerbildschirm ist aber sinnlich gesehen lediglich 2D wahrnehmbar und nur in viel zu abstrahierter Form als 3D. Das naturalistische, dreidimensionale Erlebnis ist nicht nur für das Auge, sondern z.B. auch aktiv über das Tasten sinnlich zu begreifen. Das ist ein Unterschied. Wenn alle meine Sinne in Bereitschaft sind und ich um die Skulptur herumgehen kann, also meine „Räumlichen“ Perspektiven ändere, kann ich die Skulptur erst begreifen. Diese sinnliche Erfahrung hat ein „2D-Experte“ nicht. Es gibt den Bildhauer am „Arbeitsplatz Bildschirm“ nicht und es wird ihn auch nicht geben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Bildhauer als Beruf in Kürze durch den IT-Spezialisten ersetzt werden soll. Eher wird aus der Berliner Philharmonie eine Disco.
Die 3D Scan-Plott-Initiative kommt mir ein wenig vor wie eine Fortschritt-Romanze und Kampagne aus den Sechzigern, als es darum ging, das Essen in die Tube zu verbannen, da das im Weltall in Kürze hochaktuell sein würde und uns alle beträfe, weil wir ja dann dort leben würden.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Vom Berliner Schloss gibt es ja noch einige wenige Originalbauteile. Würden Sie diese bei der Rekonstruktion mit verwenden?

ANDREAS HOFERICK: Wertvolle, feingliedrige Spolien würde ich sowieso nicht mehr integrieren. Das ist erstens technologisch-handwerklich viel zu kompliziert und außerdem gehören diese Originale ins Museum. Nehmen wir die Figuren der Berliner Schlossbrücke als Beispiel. Die gehören auf jeden Fall in ein Museum oder Lapidarium, denn sie sind aus Marmor, welcher in die Jahre gekommen ist, und müssen daher vor Erschütterungen und Umweltschäden geschützt werden. Aber es gibt vom Berliner Schloss auch Stelen, Kapitelle, Konsolen, schlicht gestalteten seriellen Bauschmuck aus Sandstein. Diese Werksteine könnte man durchaus wieder eingliedern könnte. Wenn es sich allerdings um kleinteilige Fragmente handelt, ist zu
prüfen, ob dies u.a. wirtschaftlich vertretbar und konstruktiv sinnvoll und realisierbar ist. Man kann sich da verzetteln, wenn Teile eines Kopfes und/oder eines Armes zu integrieren sind und es zu einem Mosaik ausartet.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Aus Architektensicht hat man im Moment das Gefühl, dass es einen Boom an Rekonstruktionen gibt. Ist dies auch in der Bildhauerei zu bemerken?

ANDREAS HOFERICK: Das ist kein Boom. Es gibt nur drei Bauwerke, die gebaut werden. Und diejenigen, die angedacht sind, bei denen man von einem Boom träumen könnte, sind ja noch in keinster Weise in Angriff genommen worden. Wenn es z.B. heißt, dass für rekonstruktive Vorhaben am Berliner Schloss jetzt schon drei oder vier Leute mobil gemacht wurden, dann kann man nicht von einem Boom sprechen und es ist auch kein Boom abzusehen. So ist meines Erachtens seit der Gründung des Fördervereins Berliner Schloss Anfang der 1990er Jahre nichts Wesentliches für mein Metier die „Klassische Steinbildhauerei“ passiert, im Gegenteil.

   

 

SCHLOSSDEBATTE.DE: Angesichts der wenig rosigen Auftragslage für Steinbildhauerei in Deutschland orientieren Sie sich ja inzwischen international. Seit neustem sind Sie ja auch im Mittleren Osten, in Dubai, Syrien und Tunesien tätig. Geht es bei diesen Aufträge auch um Rekonstruktionen?

ANDREAS HOFERICK: Nein es wird um reine Neuschöpfungen gehen. Da gibt es keine Rekonstruktion oder Restaurierung. Damit bediene ich ein kulturelles Bedürfnis von Menschen eines anderen Kulturkreises, zunächst einmal zur Selbstverwirklichung, z.B. das Pferdeporträt vom Lieblingspferd oder einem geköhrtem Rennkamel, aber auch andere Projekte.

SCHLOSSDEBATTE.DE: Auch wenn es keine Rekonstruktionen sind, so liegt das Interesse auch in europäischer Bildhauerei?

ANDREAS HOFERICK: a, vielleicht auch in klassischer abendländischer Bildhauerei; überhaupt in abendländischer Kunst. Zum Beispiel gibt es in Abu Dhabi jetzt schon „Wagnerfestspiele“ und Emiraties lieben die deutsche Klassik. Klar ist das im Moment noch unbefangen, aber die haben viel Energie und die Projekte werden sehr schnell umgesetzt. So engagieren sie die Dresdner Staatskapelle und würden sich auch nicht scheuen, Klassische Steinbildhauerei in ihr Land zu holen. In der Berliner Zeitung vom 2.2.08 wird sogar davon gesprochen, dass His Highness Sheikh Mohammed Bin Rashid Al Maktoum Frankreichs drittgrößte Metropole bei sich daheim in der Wüste mit den wichtigsten Historischen Bauwerken wiederauferstehen lassen will.

Und so war es ja auch schon einmal in den Jahren zwischen 1850 und 1910, als Manaus erbaut wurde. Manaus war eine Dschungelstadt, in der massenweise Kopien der europäischen Baukunst erstellt wurden: italienische Villen, Friedhöfe, ein Bahnhof aus Paris, alles aus Naturstein, sogar Marmor. Und in diesem Zuge sind u.a Berliner Bildhauer dutzendweise dort hingegangen. Geschichte kann sich wiederholen. .

Das Gespräch führte Philipp Oswalt im März 2008. Redaktionelle Bearbeitung Nina Brodowski und Laura Rottmann

 

In Folge dieses Interviews wurde die Thematik von mehreren Medien aufgegriffen. Im Tagesspiegel erwiderte zunächst Michael Zajonz zunächst kritisch mit einem Artikel am 24.11.2008. Am 30.12.2008 schrieb dann Matthias Oloew ebenfalls im Tagesspiegel einen Artikel, der die Problematik bestätigte, ebenso wie das deutschlandradio am 29.12.2008.:

 

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